Letztes Update am Mo, 29.07.2019 09:55

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Jüdische Identitätssuche beim ImPulsTanz-Festival



Die jüdische Identität ist wohl die komplexeste der Welt - beladen mit tonnenschweren Klischees und selbst stets im Widerstreit, worauf sich eine gemeinsame Basis gründen kann. Hautfarbe? Nein. Sprache? Nein. Lebensort? Nein. Nicht einmal Religion. Oder kann es keinen atheistischen Juden geben? Diese Sinnfragen hat am Sonntag beim ImPulsTanz-Festival „The Jewish Connection Project“ gestellt.

Die Argentinierin Lisi Estaras und Ido Batash begeben sich mit der im Vorjahr in Gent gegründeten MonkeyMind Company bei dieser Erstaufführung im Volkstheater auf die Suche nach einer Identität, die immer auch eine immanent historische wie politische Grundierung mit sich bringt. Es ist gleichsam ein Gestrüpp an Gefühlen, dem sich die Performer stellen.

Und so ist „The Jewish Connection Project“ alles andere als eine stringente Antwort auf komplexe Fragen, sondern ein bisschen Poetry Slam, ein wenig Oper, ein bisschen Ausdruckstanz, ein bisschen Schauspiel. Abrupte Bewegungsunterbrechungen sind fragmentierte Ansätze einer Erklärung, verzerrte Körper sind der Kontrast zum steten Wunsch nach Einheit.

Zu Beginn steht der Vergleich körperlicher Details und das Ausleben von Parallelitäten. Ist das Jüdische äußerlich festzumachen? Alsbald rücken jedoch andere Klischees in den Fokus. Schweine und Waffen, Komik und Erleuchtung bilden in schneller Abfolge der Tanzfiguren Bildschnipsel eines Assoziationsgewitters zum Judentum.

Ausgerechnet der Antisemit Wagner bildet den musikalischen Humus, auf dem diese tänzerischen Blüten gedeihen. Und so schlüpft die großartige Sopranistin Maribeth Diggle in die Rolle der Isolde. Wenn sie jedoch den musikalischen Orgasmus des „Tristan“ singt, wird dessen Klimax mit einem Ratschen-Chor der übrigen Performer entmythologisiert.

Am Ende holt jeder Performer einen Zuschauer auf die Bühne und lässt diesen für das Schlussbild dort alleine stehen. Ein starker Abschluss des Abends. Die Identitätsfrage ist eben keine, die nur die Künstler betrifft.




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