Letztes Update am Mo, 29.07.2019 10:09

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Salzburger Festspiele: „Jugend ohne Gott“ ohne Schwung



Ohne den beklagenswerten Zustand der Natur vor Augen zu führen, geht heuer nichts in Salzburg. Auch der Bühnenhintergrund im Landestheater ist voll von silbrigen Baumstämmen, an denen kein grünes Blatt zu sehen ist. Doch sie stehen weder für die Klimakatastrophe noch für Gorkis „Sommergäste“ (diese folgen in Kürze auf der Perner Insel). Sie sind der Abenteuerspielplatz für eine „Jugend ohne Gott“.

Die erste Schauspiel-Neuproduktion der diesjährigen Festspiele gilt der Dramatisierung des 1937 erschienenen Romans von Ödön von Horvath. Ein Lehrer wird zum Zeugen der Verrohung der Jugend und der geistigen Vorbereitung einer Gesellschaft auf einen kommenden Krieg. „Natürlich wäre es mir lieber, wenn solche Stoffe in Europa keine Relevanz hätten - aber leider ist das Gegenteil der Fall“, hatte Schaubühnen-Langzeit-Chef Thomas Ostermeier, der diese Koproduktion ab 7. September in Berlin zeigt, im Vorfeld gesagt.

Entsprechend steigt Protagonist Jörg Hartmann zu Beginn in schwarzer Hose und schwarzem T-Shirt vom Zuschauerraum auf die Bühne. Sein eher nachdenklich als begeistert vorgetragenes Bekenntnis zu „unserem Führer“, dem man alles verdanke, befremdet. Auch nach seinem Umzug in einen mehr der 1930er-Jahr-Mode entsprechenden Lehreranzug, der ihm von den langsam aus dem Wäldchen tretenden Jugendlichen gebracht wird, bleibt sein verhaltener, grüblerischer Gestus. Was er hier erlebt, will er nicht so recht glauben.

Die von Bühnenbildner Jan Pappelbaum hingestellte Lichtung, auf die immer wieder alte Schulpulte, zu Betten umfunktionierte Tische oder auch als Projektionsflächen dienende Zelte geschoben werden, und an deren rechter Vorderkante zwei Standmikrofone auf Bekenntnisse und Kommentare warten, ist Experimentierfeld für einen Großversuch in Sachen Ent-Humanisierung. Der Lehrer, der zwar ganz gegen den Zeitgeist Afrikaner „auch für Menschen“ hält, doch Job und Pensionsberechtigung nicht verlieren will, steht unter strenger misstrauischer Beobachtung der ihm anvertrauten Jugend.

In den 135 Minuten dieser pausenlosen Inszenierung gewinnt der Abend nie wirklich an Schwung, verliert nie den bedeutungsschweren Grundduktus, der auch durch die gelegentlichen Musikeinsätze (Nils Ostendorf) unterstützt wird. Auch die Verortung bleibt im Ungefähren. Man bekommt anfangs den nachdenklichen Hinweis geliefert, das Stück sei ja in Henndorf bei Salzburg entstanden, und sieht in kurzen Projektionen NS-Kolorit vorbeihuschen. Andererseits wird eine Live-Cam für Großaufnahmen eingesetzt und sorgt eine Anspielung auf den geschlossenen Sägewerksbetrieb für Lacher: „Der Haselsteiner kriegt ja keine Aufträge mehr!“

Doch im Wald, in dem das die Jugend mit Wehrsport stählende Lager stattfindet, da sind auch die Räuber. In „Jugend ohne Gott“ ist auch ein veritabler Krimi verborgen - mit Morddrohungen, einer geheimen Liebesaffäre zwischen einem Schüler und einer aus einer Besserungsanstalt ausgebüxten Kinderbandenchefin (Laurenz Laufenberg und Alina Stiegler), einer aufgebrochenen Kassette und einem mit einem Stein erschlagenen Burschen. Der tollpatschig um Aufklärung bemühte und sich dabei in eigene Gewissenskonflikte verstrickende Lehrer immer mitten drin.

Die Verwicklungen verlangen dabei den Zuschauern auch angesichts der vielen Mehrfachbesetzungen im insgesamt achtköpfigen Ensemble, in dem auch Moritz Gottwald und Bernardo Arias Porras gefallen, einiges an Konzentration ab. In der von Ostermeier und seinem Dramaturgen Florian Borchmeyer geschriebenen Bühnenfassung gibt es rund 40 Rollen. Jeder müsse sich in das Gesamte einfügen, wie „bei einer Band, die zusammenspielt“, hatte Borchmeyer erklärt.

So gesehen wirkte die Band bei ihrem am Ende mit viel Applaus bedachten Premierenauftritt am Sonntagabend im Salzburger Landestheater noch eher auf der Suche. Die Besetzung steht, die Setlist wirkt aber ebenso verbesserungswürdig wie das Zusammenspiel. Vor allem aber fehlt dem Ganzen jeder Drive, jede Unbedingtheit. Ohne Siegeswillen lässt sich nicht gewinnen. Weder in der Politik noch am Theater.




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