Letztes Update am Mo, 29.07.2019 12:29

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kreml-Kritiker Nawalny kam womöglich mit Gift in Berührung



Als Ursache für eine plötzliche Erkrankung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny schließt dessen Ärztin eine Vergiftung nicht aus. Eine Schwellung im Gesicht und andere Symptome könnten auf giftige Chemikalien zurückzuführen sein, schrieb die Ärztin Anastasia Wassiljewa am Montag bei Facebook. Sie selbst habe Nawalny noch nicht untersuchen dürfen.

Weder Nawalny noch dessen Angehörige hätten bisher eine Diagnose genannt bekommen. „Alexej hat keine Allergien“, erklärte Wassiljewa. Am Vormittag ergänzte die Medizinerin, es gebe Informationen, dass sie Nawalny treffen könne. „Jetzt werde ich dorthin gehen.“

Nawalnys Anwältin Olga Michailowa hatte zuvor bei Facebook geschrieben, es sei komisch, dass ein Mensch in 43 Lebensjahren noch keine allergischen Reaktionen gezeigt habe und sie dann plötzlich bekomme. Fünf Mitgefangene in der Zelle hätten die gleichen Lebensmittel wie Nawalny zu sich genommen. Ihnen gehe es jedoch gut.

Nawalny war am Sonntag aus der Haft in ein Krankenhaus gebracht worden. Seine Sprecherin Kira Jarmisch schrieb auf Twitter, er werde wegen einer akuten allergischen Reaktion behandelt. Sie sprach von einem geschwollenen Gesicht und geröteter Haut. Von Abszessen an Nacken, Rücken, Rumpf und Ellenbogen war die Rede. Gefordert wurde eine Untersuchung der Bettwäsche in seiner Gefängniszelle.

Die behandelnden Ärzte bezeichneten den Gesundheitszustand Nawalnys am Sonntag der Agentur Interfax zufolge als zufriedenstellend. Sie rechneten damit, dass er an diesem Montag wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden kann.

Der Nawalny-Vertraute Leonid Wolkow sagte dem russischen Radiosender Echo Moskwy, er selbst habe im Gefängnis einmal mit ähnlichen Symptomen zu kämpfen gehabt. In seinem Fall vermutete er Hygienemängel in der Haftanstalt als Ursache.

Nawalny war am Mittwoch zu 30 Tagen Gefängnis verurteilt worden, weil er zu Protestaktionen aufgerufen hatte, bei denen Oppositionelle die Zulassung unabhängiger Kandidaten bei den Regionalwahlen in sechs Wochen einfordern wollen. Es war nicht das erste Mal, dass er deswegen verurteilt wurde.

In Russland waren mutmaßliche Vergiftungen im politischen Milieu in der Vergangenheit immer wieder ein Thema. Zuletzt verdächtigte der Aktivist Pjotr Wersilow, Mitglied der russischen Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot, den russischen Geheimdienst, ihn 2018 in Moskau vergiftet zu haben. Pussy Riot ist mit spektakulären Aktionen gegen Justizwillkür und Korruption weltweit bekannt geworden.

International für Schlagzeilen sorgte der Giftangriff auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia im März 2018 im englischen Salisbury. Sie sollen mit dem Nervengift Nowitschok attackiert worden sein. Beide überlebten. Großbritannien macht Russland für den Anschlag verantwortlich. Moskau hat eine Verantwortung stets zurückgewiesen. Für Aufsehen hatte auch der Fall des Ex-Agenten und Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko gesorgt, der 2006 in London mit radioaktivem Polonium vergiftet wurde. Die Spuren der Täter führten auch hier nach Moskau.

Deutschland verurteilte unterdessen das Vorgehen der russischen Polizei gegen Demonstranten in Moskau. Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer bezeichnete den Einsatz der Sicherheitskräfte am Montag als „unverhältnismäßig“. Die deutsche Regierung habe die Entwicklungen vom Wochenende „mit großer Sorge zur Kenntnis genommen“. Russland habe sich zu den Standards und Prinzipien des Europarats und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa bekannt und müsse diese einhalten, sagte Demmer. Noch inhaftierte Personen müssten umgehend freigelassen werden.

Am Wochenende waren bei regierungskritischen Protesten in Moskau nach Angaben von Beobachtern mehr als 1.000 Menschen festgenommen worden.




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