Letztes Update am Mi, 31.07.2019 16:39

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bub vor Zug gestoßen - Motiv weiter unklar



Nach der Attacke im Frankfurter Hauptbahnhof, bei der ein Bub von einem Mann vor einen Zug gestoßen und getötet wurde, blieb das Motiv weiter unklar. Dem mutmaßlichen Täter droht eine lebenslange Haftstrafe - psychischen Probleme des 40-Jährigen werden die Frage aufwerfen, ob er zur Tatzeit schuldfähig war.

Gut 13 Jahre lang lebte der Mann aus Eritrea in der Schweiz. Für die Polizei blieb er mit Ausnahme eines kleinen Verkehrsdelikts völlig unauffällig. Dann plötzlich ein Ausbruch häuslicher Gewalt in der vergangenen Woche: Der 40-Jährige schloss seine Ehefrau und die drei Kinder in der Wohnung ein, die Nachbarin bedrohte er mit einem Messer, dann machte er sich davon.

Am Ende der Reise über die Grenze nach Deutschland stand die furchtbare Tat von Frankfurt. Dort soll der Flüchtling mit Schweizer Asyl am Montag den Achtjährigen getötet haben, indem er ihn im Hauptbahnhof vor einen einfahrenden ICE stieß. Die Mutter des Buben stieß er ebenfalls ins Gleisbett, sie konnte sich retten. Eine weitere Person wehrte sich erfolgreich gegen die Attacke des Mannes.

Die Schweizer Polizei hatte den Eritreer national zur Fahndung ausgeschrieben. Einen Grund zur großen Sorge soll es da noch nicht gegeben haben, die psychischen Probleme des 40-Jährigen waren zu dem Zeitpunkt nicht bekannt. Die Attacke auf die Familie stufte die Polizei als einen Fall von häuslicher Gewalt ein, wie er täglich mehrfach im Kanton Zürich vorkomme. Außerdem habe man keinen Bezug des Tatverdächtigen ins Ausland oder konkret zu Deutschland gesehen.

Der mutmaßliche Täter von Frankfurt, dem nun Mord und zweifacher Mordversuch vorgeworfen werden, galt als zuverlässig und fleißig, er ist Mitglied der christlich-orthodoxen Glaubensgemeinschaft. „Er zeichnete sich durch einen starken Durchhaltewillen und eine super Arbeitsmoral aus“, sagte Laetitia Hardegger vom Schweizer Arbeiterhilfswerks dem „Tages-Anzeiger“.

Im Jahresbericht von 2017 wurde der Geflüchtete als positives Beispiel für die Arbeit des Hilfswerks präsentiert. „Er hat mir von Anfang an einen sehr guten Eindruck gemacht“, wird dort sein Chef bei den Verkehrsbetrieben Zürich zitiert. „Er ist wirklich engagiert und zuverlässig. Seine Freude war groß, als wir ihm eine Festanstellung angeboten haben.“

Der 40-Jährige selbst machte in dieser Broschüre deutlich, dass er gern in der Schweiz lebt. „Mir gefällt, dass hier jeder Hilfe bekommt, egal ob er arm oder reich ist. Und jeder kann essen, und die Existenz ist gesichert. Und die Schulbildung finde ich auch sehr gut. Hier ist die erste Welt.“

In die Schweiz gekommen war er als junger Mann bereits 2006. Im Jahr 2008 wurde sein Asylantrag bewilligt, 2011 erhielt er eine sogenannte Niederlassungsbewilligung. Mit seiner Ehefrau und den drei gemeinsamen Kindern lebte er dort bis zum vergangenen Donnerstag ohne besondere Auffälligkeiten.

Den Gewaltausbruch daheim bezeichneten seine Frau und auch die Nachbarin als überraschend. „Sie sagten übereinstimmend aus, dass sie ihn noch nie so erlebt hätten“, sagte ein Polizeisprecher.

Vieles spricht dafür, dass das Leben des Mannes vor einigen Monaten eine folgenreiche Wendung erfahren haben muss. Nach Angaben der Schweizer Polizei war der Eritreer dieses Jahr in psychiatrischer Behandlung, seit Jänner wegen psychischer Probleme auch krankgeschrieben. Hinweise auf eine Radikalisierung oder ideologische Motive des Täters fanden die Ermittler nicht.

Auch der Familie des mutmaßlichen Täters stehen schwere Tage und Monate bevor. Dabei hatte der Eritreer im Interview der Hilfswerk-Broschüre noch von einer schönen Zukunft geträumt: „Privat wünsche ich mir, dass meine drei Kinder ein besseres und leichteres Leben haben als ich.“




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