Letztes Update am Do, 01.08.2019 08:44

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Stillstand trotz Bewegung bei den Salzburger „Sommergästen“



Alles ist in Bewegung, doch es führt zu nichts. Das ist die Kernbotschaft des Bühnenbilds, das die Neuproduktion von Maxim Gorkis „Sommergäste“ auf der Halleiner Perner-Insel dominiert. Der junge Regisseur Evgeny Titov musste das Raumkonzept von Mateja Koleznik, die den Festspielen aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagte, übernehmen. Es erweist sich eher als Korsett denn als Sprungbrett.

Es ist eine Abfolge aus Sälen, Räumen, Stiegen und Korridoren, die Raimund Orfeo Voigt als Schauplatz für die Zusammenkünfte einer Gruppe aus Intellektuellen und Künstlern, Anwälten und Ärzten ersonnen hat, die sich in ihrer Tatenlosigkeit zunehmend als Sommergäste ihrer eigenen Leben empfindet. Nach einiger Zeit entdeckt man die Besonderheit dieser vorwiegend aus rötlich-brauner Holzfurnier gezimmerten, von Lamellen strukturierten Räume: Sie bewegen sich langsam von rechts nach links und verändern permanent die Situation. Wo eben noch ein Saal mit hohen Fenstern und einer langen durchgehenden Sitzbank war, ist Minuten später ein enger Stiegenaufgang. Ganze Landschaften aus nüchternem, an die 50er- und 60er-Jahre erinnernden Innenarchitektur-Chic ziehen an einem vorbei, perfekt ausgeleuchtet und durch einen lautlosen, unsichtbaren Mechanismus zu einer sich nach einer gewissen Zeit wiederholenden Endlosschleife verbunden: Es geht scheinbar ständig voran, und doch kommt man nicht weiter.

Es ist eine starke, die Grundmetapher des Stücks präzise zusammenfassende Setzung, die sehr viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dabei bräuchte man die doch nur allzu dringend, um sich mit jener Gesellschaft bekannt zu machen, mit der man in dieser zweiten Schauspiel-Neuproduktion der Salzburger Festspiele etwas mehr als zwei pausenlose Stunden verbringt. 15 Darsteller und einige Statisten bevölkern die Zimmerfluchten und gruppieren sich zu ständig neuen Tableaus und Begegnungen. Die Entwicklung des Abends vermittelt sich gut: Vom fröhlichen, ausgelassenen Party-Geplauder samt Techno-Disco rutscht diese Gesellschaft, unterstützt von reichlich Alkohol, über Selbstmitleid in die Selbstzerfleischung. Die einstigen Ideale sind der Lethargie gewichen, die Wut auf sich selbst entlädt sich in Konfrontationen mit den anderen.

Mateja Koleznik gelingt es in ihren geglücktesten Inszenierungen, in solch starken Räumen mit reduzierter, stilisierter, exakt choreografierter Spielweise die Stücke zu ihrer Essenz zu verdichten. Einspringer Titov, in Kasachstan geboren und in St. Petersburg sowie am Max Reinhardt-Seminar in Wien ausgebildet, möchte seinem Ensemble deutlich mehr Freiraum lassen. Viel Platz zum Atmen, Spielen und sich Entfalten hat es nicht.

Dennoch gibt es große Momente und starke Figurenzeichnungen, die einen immer wieder fesseln. Die Frauen, von den selbstbezogenen Männern gleichzeitig begehrt und verachtet, bäumen sich in zunehmender Verzweiflung gegen ihr Schicksal auf. Genija Rykova als Warwara, Mira Partecke als Olga, Dagna Litzenberger Vinet als Julija zeigen unterschiedliche Strategien von Ausbruch und Emanzipation, während Gerti Drassl als sehnsüchtige Kalerija oder Marie-Lou Sellem als die reformerisch engagierte Ärztin Marja ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben.

Thomas Dannemann hat es als ebenso umschwärmter wie angeekelter Schriftsteller leicht, der Männerriege von Herumrednern und Nichtstuern (darunter Sascha Nathan, Primoz Pirnat und Matthias Buss als Gatten der Protagonistinnen, Dominic Oley und Martin Schwab als Trabanten in unterschiedlichen Umlaufbahnen) die Schau zu stehlen. In ihrer verächtlichen Haltung gegenüber Frauen finden die Männer zur Gemeinsamkeit. Wer liebt, greift zur Waffe - und richtet diese gegen sich selbst: In seinem Schlusstableau fädelt Evgeny Titov das Ensemble vor dem blutüberströmten Rjumin (Marko Mandic) auf. Geholfen wird nicht, sondern gefragt: „Haben Sie große Schmerzen?“

„Sommergäste“ wurde 1904 an einem dramatischen Punkt der Geschichte geschrieben, als präzise Beschreibung einer gelähmten und überholten Gesellschaft am unmittelbaren Vorabend der Russischen Revolution. Nach der Uraufführung verboten, auf Druck wieder zugelassen, bei Aufführungen Schauplatz politischer Demonstrationen, war Gorkis Stück mitten im politischen Kampfgetümmel.

Für Salzburgs Schauspielchefin Bettina Hering sind die „Sommergäste“ heute wieder „ein Stück der Stunde. Die Gesellschaft, die sich da abbildet, hätte alle Möglichkeiten einzugreifen, etwas zu bewegen. Aber sie beschäftigt sich nur mit sich selbst. Man dreht sich im Kreis, konzentrisch um die eigenen Probleme.“ Auch die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer weisen ins Heute. Die Dringlichkeit der Lage vermittelt sich jedoch kaum. Was der Inszenierung abgeht, ist die Bedrohlichkeit jener äußeren Entwicklungen, die zum Handeln zwingen würden, jedoch von der selbstbezogenen Gesellschaft ignoriert werden. Für die Außenwelt findet Titov kein Bild. Dafür hätte er die hohen Fenster ruhig mal aufreißen können. Das Publikum vermisste jedoch offenbar nichts: Großer, langer Applaus am Ende der Premiere von Mittwoch.




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