Letztes Update am Mo, 05.08.2019 09:49

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Joseph Roth-Gedenkkonzert eröffnete LvivMozArt-Festival



Eine Ruine, nicht als Symbol des Verfalls, sondern der Zukunft auf Basis einer gemeinsamen Vergangenheit: In den Überresten der Synagoge der ukrainischen Stadt Brody wurde am Sonntag das 3. LvivMozArt-Festival eröffnet - mit einem Gedenkkonzert zu Ehren von Joseph Roth. Die Grazer Chefdirigentin Oksana Lyniv zollte damit dem österreichischen Schriftsteller in seiner Heimatstadt ihren Respekt.

Der formelle Anlass für dieses Herzensprojekt der selbst aus Brody stammenden Lyniv ist der sich am 2. September zum 125. Mal jährende Geburtstag des Autors und großen Humanisten. Als nostalgischer Chronist der verlorenen Welt des Ostjudentums, eines vermeintlich idyllischen Kakaniens, wurde der 1939 in Paris verstorbene Roth zum Bindeglied zwischen der österreichischen, jüdischen und ukrainischen Kultur - und damit prädestiniert als Aushängeschild des laufenden österreichisch-ukrainischen Kulturjahres, in dessen Rahmen die Veranstaltung in Brody stattfand.

Im Zentrum des Abends stand Leonard Bernsteins monumentale 3. Symphonie „Kaddish“ aus 1963, benannt nach dem jüdischen Totengebet, zu der sich rund 200 Künstler auf der Freilichtbühne einfanden. Während Lyniv als Festivalleiterin das Inso-Lviv-Orchester und zwei Chöre dirigierte, übernahm Sunnyi Melles den Part der inbrünstigen Rezitatorin im Wechselspiel von Anklage gegen Gott und Verbrüderung mit dem Schöpfer. Als Solosopran gesellte sich die aufstrebende Südafrikanerin Pumeza Matshikiza hinzu.

Die selten gespielte und in ihrer aufrichtigen Sinn- und Glaubenssuche berührende Symphonie Bernsteins wurde so abseits gängiger Konzertusancen zu einem Andachtsabend. Nicht nur die Verbindung zu Joseph Roth entfaltete dabei ihre Wirkung, auch der Umstand, dass Bernsteins Vater Sam nur unweit des Aufführungsortes, in Riwne, geboren wurde, trug zur Aura des Abends bei. Als dessen Präludium hatten überdies das „Kyrie Eleison“ der zeitgenössischen, ukrainischen Komponistin Bogdana Frolyak und zwei Auftragswerke des US-Sängers Abraham Brody fungiert.

Dass Joseph Roth von seiner Heimatstadt zum runden Geburtstag mit einer derart großen Geste gefeiert wird, erscheint nur recht und billig, setzte er als Autor Brody doch in seinen Romanen wie dem epochalen „Radetzkymarsch“ oder „Das falsche Gewicht“ nicht nur ein Denkmal, sondern machte die Stadt an der Grenze des Reiches im deutschsprachigen Raum überhaupt erst bekannt. Und doch war die Liebe über Jahrzehnte erkaltet.

Heute ist die Ruine der Synagoge inmitten der rund 23.000 Einwohner zählenden und knapp 100 Kilometer östlich von Lemberg gelegenen Stadt eines der raren Zeugnisse der früheren jüdischen Vergangenheit Brodys. Hatte die Stadt einst als Grenzort der Habsburger-Monarchie zu Russland eine gewisse Bedeutung und zählte neben Roth etwa auch Sigmund Freuds Über-Mutter Amalia zu ihren Kindern, wurde sie im Zweiten Weltkrieg praktisch bis auf die Grundmauern zerstört.

Neben dem transitorischen Gedenkkonzert, zu dem sich praktisch die gesamte Stadt auf die Beine gemacht hatte, erinnert Brody seit Sonntag nun aber auch dauerhafter an ihren großen Sohn. Vor seiner einstigen Schule wurde eine von Volodymyr Tzisaryk geschaffene Bronzebüste des Jubilars enthüllt. Nach Jahrzehnten des Vergessens, scheint sein Geburtsort den großen Brückenbauer zwischen den verschiedenen Identitäten und Kulturen wieder zu entdecken, wobei als Postillon d‘amour Oksana Lyniv fungiert. Und deren Engagement blieb am Abend auch nicht unbedankt, erhielt die 41-Jährige doch auf offener Bühne die Ehrenbürgerschaft ihrer Stadt verliehen.




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