Letztes Update am Do, 08.08.2019 11:42

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schrille Struwwelpeter-Adaption in Villach



Mit Lust an schrillen Tönen gibt Regisseur Bernd Liepold-Mosser den bösen Buben. Und es ist ihm todernst damit. Sein „Shockheaded Peter“ in Villach ist eine Grusel-Revue, die britischen Humor zitiert, aber kaum zum Lachen reizt. Die Verballhornung des „Struwwelpeters“ lässt in Zeiten von Essstörungen, Missbrauch und grauenhaften Unfällen von Kindern ein flaues Gefühl zurück.

Der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts als Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn die zehn Geschichten über Kinder, die nicht auf die Erwachsenen hören wollten. Kaum jemand im deutschen Sprachraum hat die Reime dieses Klassikers der schwarzen Pädagogik nicht im Ohr: den Suppen-Kaspar und den Zappel-Philipp, Paulinchen, die mit dem Feuer spielt, Konrad, der an den Daumen lutscht oder Hans-guck-in-die-Luft, der lieber in die Wolken als auf den Weg sieht. Die Strafen für ihre Widerborstigkeit sind drastisch und oft letal: Die Kinder verhungern, verbrennen, verbluten.

Die Briten Phelim McDermott, Julian Crouch und Martyn Jacques machten mit der 1989 gegründeten Kult-Band The Tiger Lillies ein „Junk Opera“ genanntes Musical daraus, das 1998 seine Premiere in England feierte und seither (auch in einer deutschen Fassung) um die Welt tourt. Die Open-Air-Produktion von Bernd Liepold-Mosser (Flying Opera) ist so wie das Tom-Waits-Musical „Black Rider“ vor zwei Jahren in Zusammenarbeit mit dem deutschen Theater an der Rott entstanden und hatte bereits im Mai im bayrischen Eggenfelden Premiere. Verstärkt mit einem Villacher Kinderchor und ergänzt mit ein paar sprachlichen Reverenzen an Kärnten ist das Stück seit Mittwoch nun viermal am Villacher Rathausplatz zu sehen.

Wie ein überdimensionales Kasperltheater steht da eine Bühne auf der Bühne (Karla Fehlenberg), der silbrige Glitzervorhang betont den Showcharakter der folgenden rund 90 Minuten, in denen die zehn Gruselgeschichten in Schwarz-Weiß-Ästhetik ins Bild gesetzt werden. So düster wird es zeitweise, als wäre Schock-Rocker Marilyn Manson bei der Addams-Family zu Gast: Diabolisch führt Alexander Ebeert als tänzelnder Conferencier von Kinderelend zu Kinderelend, nicht ohne vorher gewarnt zu haben: „Die mit schwachen Nerven mögen den Platz verlassen! Aber echt jetzt. . .“ Zur Seite steht ihm dabei die grandiose Nadine Zeintl, die in grotesk-erschütternden Choreografien auch einzelne Figuren verkörpert und natürlich in bewährter Manier singt, rappt, rockt.

Die Choreografie von Daniel Morales Perez spielt eine Hauptrolle in dieser Geisterbahnfahrt: Mit pantomimischen, artistischen und ballettartigen Elementen macht sie die Szenen einmal zum Puppentheater, dann zum Varieté oder Zirkus. Auch poetische Momente gibt es, etwa bei einem Tanz mit weißen Regenschirmen zur Geschichte vom fliegenden Robert. Die Musik (Leitung: Dean Wilmington) schöpft schwungvoll aus dem Vollen. Von Polka- und Walzer-Klängen über Kinder- und Weihnachtslieder bis zu Ragtime und Punk reicht die rockige musikalische Performance, die den Besuch der Aufführung in jedem Fall lohnt. Vor allem aber sind es die Darsteller die mit Lust an der Übertreibung und vollem Körpereinsatz die grausigen Kinderschicksale zum, wenn auch zwiespältigen, weil bedrückenden, Erlebnis machen.

Wozu das Ganze? Die Moral aus der Geschicht‘ fehlt auch nicht in der etwas oberlehrerhaften Inszenierung (in der Shakespeare und Goethe bemüht werden und ein Video überflüssigerweise einen Alptraum illustriert): Manchmal ist es eben besser, Grenzen zu überschreiten und Gebote zu missachten. Und: Die Bösen sind die Eltern, nicht die Kinder. Kindern als Publikum ist dieses grausige Kasperltheater übrigens nicht zu empfehlen.

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