Letztes Update am Mo, 12.08.2019 10:49

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Oedipe“ in Salzburg - Dem Schicksal entgegen traumwandeln



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DER antike Mythos als symbolistische Installation: So präsentierte sich der „Oedipe“ Sonntagabend dem Salzburger Festspielpublikum. Altmeister Achim Freyer hat George Enescus stets hochgelobte und dennoch selten gespielte Oper in der Felsenreitschule in sein sattsam bekanntes Puppen- und Farbtheater getaucht. Ein Großteils stimmiger Abend, der Raum für die geniale musikalische Ausgestaltung ließ.

Zeitgenossenspezialist Ingo Metzmacher nutzte diesen mit den Wiener Philharmonikern weidlich aus, schwelgte geradezu in dieser überreichen, 1936 uraufgeführten Partitur, in welcher der Rumäne Enescu Einflüsse von Faure und Mahler oder der Volksmusik seiner Heimat zu einem ganz eigenen, vielfarbigen Klang verarbeitete. Viele Jahre hatte der 1955 verstorbene, gefragte Geigenvirtuose an seiner einzigen Oper komponiert und dabei schließlich eine extreme Spreizung der Klangfarben von der Celesta über die Singende Säge bis hin zu gewaltigen Chorpassagen erreicht. Nur selten kommt es vor, dass die Bühne der Felsenreitschule gänzlich mit Chorsängern gefüllt ist.

Trotz aller Monumentalität steht für Enescu immer die Textverständlichkeit im Mittelpunkt - womit er sich in die Tradition der noch auf Lully zurückgehenden Tragedie lyrique stellte, die das Wort stets höher hielt als die italienische Oper mit ihren Koloraturkaskaden. Ein Ansatz, der bei einem so anspruchsvollen Libretto wie dem des Dichters Edmond Fleg eine Wohltat darstellt. So beginnt „Oedipe“, über Sophokles hinausgehend, bei der Geburt der Hauptfigur, beschreibt den gesamten Lebenskreis eines Menschen vom Fluch der Götter, der bereits mit der Empfängnis einsetzt, bis hin zur Erleuchtung des schuldlos Schuldigen am Ende. Seine Selbstblendung öffnet Ödipus in Erkenntnis seiner Taten gleichsam die Augen, richtet den Blick nach innen.

All dies gestaltet sich in Salzburg nun denkbar unpsychologisierend, anaturalistisch. Denn wer Achim Freyer bestellt, bekommt Achim Freyer. Der 85-jährige Berliner hat über die Jahrzehnte seine eigene, ikonografische Theaterästhetik entwickelt, die er nach der „Zauberflöte“ 1997 nun zum zweiten Mal an die Salzach bringt. Wie immer zeichnet Freyer auch für Bühne und Kostüme selbst verantwortlich, schafft eine farbstarke Welt, die mit vermeintlich schnellem, starkem Strich skizziert ist und sich aus überdimensionalen Puppen und überzeichneter Zirkusästhetik zusammensetzt. Und durch die sich die Protagonisten statisch bewegen. Freyers Arbeit erinnert an das Theater von Robert Wilson auf LSD.

Der gewohnte Augenschmaus des Achim Freyer, die stets abstrakt-symbolhafte Metaebene des Regieansatzes ist bei einem unbekannten Stück zweifelsohne schwieriger vermittelbar als bei den Durchlaufposten des Repertoirebetriebes. Doch selten ist dieses Regiekonzept der Kunstmaschine so sinnhaft aufgegangen wie bei Enescus Oper. Das Zeitlupentempo der Bewegungen, die fehlende Interaktion zwischen den Figuren, die sich im Raum verteilen oder die Arkaden der Felsenreitschule als Schaukästen bespielen, spiegelt die musikalische Stimmung des Werks, das sich gleichsam in einer Traumebene zu bewegen scheint - und damit in einer Sphäre, in welcher der freie Wille der Akteure ebenso eingeschränkt ist wie in der Schicksalsunausweichlichkeit des antiken Mythos.

Im wahrsten Sinne stets im Zentrum des Abends steht dabei Ödipus, als der Christopher Maltman eine Glanzleistung abliefert - von Freyer mittels Muskelanzug in „Conan der Barbar“ verwandelt. Hier spiegelt die körperliche Kondition die stimmliche Qualität des tiefen Baritons, der als Mann, der letztlich stärker ist als das Schicksal, die Emanzipation des Menschengeschlechts von der Welt der Götter, den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, vorexerziert. Dafür erhielt er zu Recht am Ende den größten Applaus neben Metzmacher.

Der „Oedipe“ ist dabei nicht die einzige Enescu-Würdigung der heurigen Salzburger Festspiele. Bereits seit dem Beginn der Ouverture spirituelle ist auch die Reihe „Zeit mit Enescu“ zu erleben, die einen breiteren Blick auf das Oeuvre des Komponisten wirft.

(S E R V I C E - George Enescus „Oedipe“ im Rahmen der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule, Regie/Bühne/Kostüme: Achim Freyer, Musikalische Leitung der Wiener Philharmoniker: Ingo Metzmacher. Mit Christopher Maltman - Oedipe, John Tomlinson - Tiresias, Brian Mulligan - Creon, Vincent Ordonneau - Le Berger, David Steffens - Le Grand Pretre, Gordon Bintner - Phorbas, Tilmann Rönnebeck - Le Veilleur, Boris Pinkhasovich - Thesee, Michael Colvin - Laios, Anaik Morel - Jocaste, Eve-Maud Hubeaux - La Sphinge, Chiara Skerath - Antigone, Anna Maria Dur - Merope. Weitere Aufführungen am 14., 17. und 24. August.)




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