Letztes Update am So, 18.08.2019 10:46

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Liebe und Hiebe: „Liliom“ in Salzburg zwischen Robotern



„Ich bin Teil des repressiven Patriarchats!“ Hundertmal soll der Liliom diesen Satz zur Buße an die Himmeltüre schreiben, damit ihm aufgetan wird. Daran scheitert er natürlich. Aber seine sehenswerten Bemühungen stehen im Zentrum einer ebenso poetischen wie politischen Inszenierung, mit der Kornel Mundruczo den Salzburger Festspielen wohl den Höhepunkt ihres heurigen Schauspielprogramms beschert.

Er wolle sich von der übermächtigen Tradition des hierzulande erst durch die Bearbeitung von Alfred Polgar bekannt gewordenen Stücks von Ferenc Molnár befreien, hat der ungarische Theater- und Filmregisseur im Vorfeld gesagt. Dabei wolle er es weder historisieren noch aktualisieren, sondern in seinem Kern und seiner Sprache ernst nehmen. Was sich nach einer Quadratur des Kreises angehört hatte, wurde am Samstag auf der Halleiner Perner-Insel mit spielerischer Leichtigkeit eingelöst. Beteiligt daran waren zwei Industrieroboter, ein aufblasbares Krokodil, ein paar Anleihen an Castorf‘scher Bühnen- und Video-Ästhetik, vor allem aber eine Handvoll exzellenter Schauspieler.

Mundruczo, der in seinem jüngsten Film „Jupiter‘s Moon“ allen Ernstes einen Flüchtling fliegen ließ, hat Molnars Himmelsszenen recht profan gestaltet, den Engeln die Flügel gestutzt und lässt die himmlischen Kanzleikräfte, die den Selbstmörder Liliom mit elendslangen Fragebögen und penetrantem Psychotherapie-Ton nerven, mal als Selbsthilfe- mal als Ballettgruppe auftreten. In diesem Warteraum hat man buchstäblich ewig Zeit - auch mit so schwierigen Fällen wie dem armen Ringelspiel-Ausrufer, der sich vor dem Himmelstor ebenso uneinsichtig gibt wie der reiche Geschäftsmann Jedermann am Domplatz. Mundruczo legt die Lebens-Abrechnung gleich an den Anfang und hat sich von Kata Wéber ein paar neue Texte schreiben lassen, die wie Zwischenszenen durch den zweistündigen pausenlosen Abend führen. Als Zwischentitel werden Begriffe auf den einem Garagentor gleichenden Himmelsvorhang projiziert: „Safe Space“, „The Wall“ oder „The Shadow“.

Selten wurde Molnárs „Vorstadtlegende in sieben Bildern“ so allen pittoresken Beiwerks entkleidet wie auf der Bühne von Monika Pormale. Statt Praterbuden gibt es Bretterbuden, in deren Enge sich das Familienleben des zur Untermiete bei einer Fotografin eingezogenen jungen Paares kaum entfalten kann. Statt dem Budapester Stadtwäldchen gibt es ein paar künstliche Akazienbäume, die von zwei Roboterarmen rund um eine Parkbank zu einer lauschigen Laube arrangiert werden, in der es in Sachen Sex gleich recht handfest zur Sache geht.

Erste Überraschung: Die treibende Kraft bei der Paarfindung ist Julie, die von Maja Schöne so gar nicht als unbedarftes, in ihr Unglück naiv reinrutschendes Fräulein gestaltet wird, sondern als rückhaltlos Liebende, die die Grobheit des Geliebten zu entschuldigen versucht: „Auch solche muss es geben.“ Zweite Überraschung: Auch der Liliom von Jörg Pohl, der sich mit einem Traumpolster am Herzen an sein Leben zurückerinnert, ist ganz gegen das Klischee gezeichnet, kein Strizzi, sondern ein Mann mit Fähigkeit zur Empathie und Reflexion, dessen freiheitsliebendes Ego seinem Glück jedoch im Wege steht. Seine Verantwortung: „Es waren ganz andere Zeiten!“ Sein Pech: Den Engeln ist das egal. Es geht ihnen um die menschliche Zivilisation, die sich nur weiterentwickeln kann, wenn sich Liliom einsichtig zeigt.

Dritte Überraschung. Bei aller Direktheit ist da noch sehr viel Platz für poetische, zauberhafte Momente. „Liliom“ hat deshalb 110 Jahre erfolgreiches Bühnenleben und einige Verfilmungen hinter sich, weil das Stück die Kraft der sich über alle Enttäuschungen und alles rationale Erkennen hinwegsetzende Liebe beschwört, ohne je melodramatisch und kitschig zu werden. Mundruczo gelingen die entscheidenden Szenen mit ganz unterschiedlichen Mitteln: mit Humor, wenn er einen Roboterarm den romantischen Mond über dem Liebespaar positionieren lässt; mit dem Glauben an seine Darsteller, denen er mit der Kamera hautnah auf den Leib rückt und dabei die Auseinandersetzung zwischen Liliom, Julie und Frau Muskat (ganz stark: Oda Thormeyer) zu einem intensiven Kammerspiel auf engstem Raum werden lässt; aber auch mit Bildern, die starke, eigenständige Kraft entfalten.

In seiner Bildfindung ist Mundruczo mehr Anarchist als Rationalist. Er lässt die Fotografin Hollunder (Sandra Flubacher) als Dada-Künstlerin mit Krokodil und Hahnenkopf manchen Schabernack treiben, Herbstlaub und Schneeflocken tanzen und die Schauspieler (darunter Tilo Werner als schlurfigen Ficsur) ausgiebige Bäder im Mini-Pool nehmen, ohne, dass das zur Handlung etwas beitrüge. Er findet aber auch zu außergewöhnlichen Momenten, die einem die Tränen in die Augen treiben. Das Schlussbild zählt dazu. Es fällt ganz anders aus als bei Molnar.

Liliom begegnet auf der Erde seiner Tochter, die er als Lebender nie kennenlernen durfte. Sie ist eine junge Frau mit Downsyndrom, übt mit ihrer Mutter Julie Schnurspringen und bringt es auch dem Fremden bei, der angeblich ihren Vater gekannt hat. Am Ende schwingen Mutter und Tochter gemeinsam das Seil, über das er springt. Verzweifelt verausgabt er sich dabei, und Julie kommt immer wieder zu ihm, seinen Herzschlag zu spüren. „Na?“, fragt die Tochter. Die Mutter schüttelt traurig den Kopf. So geht es immer weiter. Bis zum Blackout.

Langer, mit Bravos durchsetzter Beifall am Ende eines außergewöhnlichen Abends. Erfreulich, dass diese schöne Produktion ein Leben über Salzburg hinaus hat: Ab 21. September ist sie beim Koproduzenten, dem Thalia Theater Hamburg, zu sehen.

)




Kommentieren