Letztes Update am Mo, 19.08.2019 08:51

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Text statt Tempo: „Die Empörten“ ließen in Salzburg kalt



Mit einer Uraufführung hat die Schauspielchefin der Salzburger Festspiele, Bettina Hering, am Ende ihrer dritten Saison ein Bekenntnis zur zeitgenössischen Dramatik abgelegt. Doch leider erwiesen sich „Die Empörten“ von Theresia Walser am Sonntagabend im Salzburger Landestheater nicht als großer Wurf. Trotz viel Geredes entlang aktueller politischer Themen insgesamt eine Themaverfehlung.

Walser nennt ihr für die Festspiele sowie für das koproduzierende Schauspiel Stuttgart geschriebene Stück „eine finstere Komödie“. Letztlich war das, was sich zwei Stunden lang auf Florian Ettis mit viel Holzfurnier gezimmerten Bühne abspielte, aber weder besonders finster noch sonderlich komisch. Viel eher trifft jene Bezeichnung zu, die die Autorin am Nachmittag davor im Publikumsgespräch für ihr zwanzigstes Stück wählte: „Eine bizarre Echokammer gegenwärtiger Konflikte.“

In der deutschen Kleinstadt Irberstheim hat sich eine Tragödie ereignet: In der Fußgängerzone ist ein Auto in eine Menschenmenge gerast und hat dabei einen Passanten getötet und zahlreiche weitere verletzt. Unklar ist, ob es ein Unfall oder ein Attentat war. Mancher will „Allahu akbar“-Rufe vernommen haben. Als die mitten im Wahlkampf stehende Bürgermeisterin im Leichenschauhaus erkennt, dass es sich bei dem ebenfalls ums Leben gekommenen Fahrer um ihren eigenen 19-jähriger Halbbruder handelt, beschließt sie, seine Leiche mithilfe ihres zur Hilfe gerufenen zweiten Bruders verschwinden zu lassen.

Zu Beginn des Stückes erscheinen also Bürgermeisterin Schaad (Caroline Peters) und ihr bei der Aktion an beiden Händen verletzter und daher einbandagierter Bruder Anton (Sven Prietz) mit dem Leichensack in der Ratsstube. Zunächst nehmen sie sich alle Zeit der Welt, um über den toten Bruder und die Herausforderungen einer politischen Karriere zu plaudern, ehe die Leiche in einer schlichten, doch historischen Holztruhe verschwindet, in der sich angeblich bereits Martin Luther (und vielleicht sogar Adolf Hitler) versteckt haben soll.

Der Stuttgarter Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski, an sich der größte Walser-Experte weit und breit, setzt in seiner Inszenierung ganz auf Text statt auf Tempo. Im Bestreben, alle Feinheiten der Dialoge voll auszuspielen, verliert sich mögliche Situationskomik, wird aber auch deutlich, dass die Vorlage trotz des aktuellen Populismus- und Fremdenhass-Themas über erstaunlich wenig Substanz und Brisanz verfügt.

Die an der hinteren Fensterfront des Rathauses wetterpanoramamäßig vorbeiziehende Gebirgslandschaft trägt zur Verwirrung bei. Statt im Rathaus einer Kleinstadt, die durch Industrieansiedlungen der in Flüchtlingsfragen liberalen Bürgermeisterin zwar Arbeitsplätze gewinnt, aber an Lebensqualität verliert, scheint man sich in einer Berghütte zu befinden. Vermutlich sollen die Videos von Sebastian Pircher assoziativ mit dem Heimatbegriff spielen, der von Schaads nationaler Widersacherin (Silke Bodenbender als forsche Rechtsauslegerin) in den Wahlkampf eingebracht wird. Und für einen Augenblick kommt mit einem Düsenjet im Tiefflug auch absurde 9/11-Stimmung auf.

Ausflüge in die groteske Überhöhung strukturieren „Die Empörten“ ohnedies - nicht nur in den immer absurderen Wortgefechten der beiden Politikerinnen, sondern vor allem in zwei Nebenfiguren: André Jung macht aus dem Bürodiener Pilgrim mit größter Grandezza eine schillernde Rätselgestalt voller Eigenart und Widerborstigkeit, Anke Schubert rechnet als Frau Achmedi, der gar nicht recht trauernden Witwe des Opfers, nüchtern mit den Vorurteilen der liberalen Politikerin beinhart ab.

Am Ende wurde viel gesagt, doch nichts geklärt. Walser hat der Bürgermeisterin während der Proben einen Schlussmonolog hinzugeschrieben, in dem noch einmal klargemacht wird: „Wir sitzen alle auf Leichen“ und „Die Taten stecken alle schon im Wort.“ Danke! Das musste ja einmal gesagt werden.

„Eine deutsche Yasmina Reza“ hat Burkhard C. Kosminski Theresia Walser genannt. Mag sein. Aber auch die Französin hat nicht nur Hits geschrieben. Die gestrige Uraufführung erhielt freundlichen Applaus. Bis zur Stuttgarter Premiere im Jänner 2020 hat man jedoch noch einige Zeit und manchen Grund zum Weiterarbeiten...

SERVICE: Theresia Walser: „Die Empörten. Eine finstere Komödie“, Uraufführung, Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Schauspiel Stuttgart. Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Ute Lindenberg, Musik: Hans Platzgumer. Mit Silke Bodenbender, Andre Jung, Caroline Peters, Sven Prietz und Anke Schubert. Salzburger Landestheater, Weitere Aufführungen: 20., 22., 23., 25., 27., 29. August. Karten: 0662 / 8045-500. www.salzburgerfestspiele.at)




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