Letztes Update am Mo, 19.08.2019 10:54

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Alpbacher Gespräche: Med-Therapien müssen leistbar bleiben



Neue innovative Therapien zu Preisen von 100.000 Euro aufwärts haben in der jüngsten Vergangenheit immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Sie werden selbst in den reichsten Staaten der Erde mit hoch entwickelten sozialen Gesundheitssystemen als Belastung betrachtet. Innovation in der Medizin muss leistbar bleiben, hieß es Montagfrüh bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen (bis 20. August).

Die aktuellsten Preisforderungen: Der Schweizer Pharmakonzern Novartis will 2,125 Millionen US-Dollar für seine Gentherapie gegen die Spinale Muskelatrophie (Muskelschwund) bei Säuglingen und Kleinkindern. Für die Krebs-CAR-T-Zelltherapie des Konzerns bei hämatologischen Erkrankungen wurde von einem „Listenpreis“ von 320.000 Euro berichtet. Mittlerweile geht hier der Trend zu erfolgsabhängiger Bezahlung. In Wien wurde beispielsweise mit Novartis und dem US-Konzern Gilead eine Vereinbarung getroffen, wonach bei Fehlschlagen der CAR-T-Therapie nur rund 60 Prozent des ursprünglichen Preises zu bezahlen wären.

Trotzdem bleibt die Preisgestaltung für innovative Therapien ein Problem. Man müsste sich fragen, welche Innovationen man wirklich benötige, erklärte Thomas Gebauer von der NGO-Stiftung „Medico International“: „Innovationen müssen das Ziel haben, zu den Menschenrechten und zur Demokratie beizutragen. Jede Innovation muss helfen, Ungleichheiten nicht zu vergrößern.“ Dazu werde es in Zukunft notwendig sein, Forschung und Entwicklung in der Pharmaindustrie neu zu überdenken. Auch die Einführung einer „globalen Bürgerversicherung“ sei anzustreben, um den Zugang zu Therapien zu demokratisieren. Und schließlich sei auch zu berücksichtigen, dass Gesundheit bzw. Krankheit zu 40 Prozent durch die soziale Lage und nur zu 15 Prozent durch Medizin bestimmt werde.

Bei steigenden Entwicklungskosten für Arzneimittel und Therapien und immer mehr gezielten Behandlungsmöglichkeiten auch für sehr kleine Patientengruppen sind teilweise hohe Preise durchaus begründbar. Doch auf der anderen Seite: Therapien, die sich nur noch Multi-Millionäre leisten können, werden kaum einen ausreichend großen Markt haben. Ein hoher Anteil der Umsätze wird in Staaten mit hoch entwickelten und solidarisch finanzierten Gesundheitssystemen lukriert.

Die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz formulierte dazu mehrere Fragen: „Was ist der zusätzliche Nutzen? Wer trifft die Entscheidung (über den Zugang zu Therapien)? Haben alle Kranken gleichen Zugang?“ Schon jetzt finde eine „Priorisierung“ im Gesundheitswesen statt, aber heimlich und oft zufällig. Um die Abläufe in Österreich transparenter zu machen, sollte eine „zentrale Heilmittelkommission“ eingerichtet werden, um die Kriterien für die Finanzierung neuer Therapien festzulegen. „Da ist eine Patienten-Partizipation vorzusehen.“

Gerade Staaten mit entwickeltem Sozial- und Gesundheitssystem sollten aber auch mit ihrer Marktmacht auftreten. Sigrid Pilz betonte: „Die Marktmacht des öffentlichen Sektors gegenüber der Pharmaindustrie sollte durch transnationale Einkaufsgemeinschaften gestärkt werden.“ Das könnte zu einer besseren Balance zwischen Angebot und Nachfrage führen.




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