Letztes Update am Fr, 23.08.2019 15:00

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Waldbrände: Bolsonaro will keine Ratschläge aus dem Ausland



Angesichts der besorgten Reaktionen auf die verheerenden Waldbrände im Amazonasgebiet verbittet sich Brasiliens Staatsführung Ratschläge aus dem Ausland. „Die brasilianische Regierung ist weiterhin offen für einen Dialog, der auf objektiven Daten und gegenseitigem Respekt beruht“, schrieb Präsident Jair Bolsonaro auf Twitter. Er kündigte an, die Streitkräfte zur Brandbekämpfung einzusetzen.

„Der Vorschlag des französischen Präsidenten, die Probleme des Amazonas auf dem G-7-Gipfel zu diskutieren, ohne die Länder der Region zu beteiligen, lässt aber auf eine kolonialistische Denkweise schließen“, wetterte Bolsonaro. Zuvor hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angekündigt, das Thema auf die Agenda des Gipfels der führenden Industrienationen in Biarritz zu setzen. „Unser Haus brennt. Wortwörtlich“, schrieb Macron am Donnerstagabend auf Twitter zu einem Foto des brennenden Regenwalds. Die Brände bedeuteten eine internationale Krise, so Macron. Er rief die Regierungschefs der G-7-Länder auf, „diesen Notfall“ als ersten Punkt beim Gipfeltreffen ab Samstag zu besprechen.

„Ich bedaure, dass Präsident Macron versucht, eine interne Angelegenheit Brasiliens und anderer Länder der Amazonasregion zum eigenen politischen Vorteil zu instrumentalisieren“, schrieb Bolsonaro weiter. „Der sensationsgierige Ton, mit dem er sich auf den Amazonas bezieht, löst das Problem nicht.“

Zudem warf er Macron vor, für seinen Tweet ein falsches Bild verwendet zu haben. Tatsächlich zeigt das Foto nicht die aktuellen Brände und ist schon Jahre alt. Es stammt vom US-Fotografen Loren McIntyre, der bereits 2003 starb. In der aktuellen Debatte über die Brände wird das Bild häufig gepostet, zuletzt auch von Hollywoodstar und Umweltaktivist Leonardo DiCaprio.

Präsident Bolsonaro erwägt indes die Entsendung der Streitkräfte zur Bekämpfung der Flammen. Soldaten könnten bei der Brandbekämpfung helfen, sagte der Staatschef am Freitag dem Nachrichtenportal G1. Bolsonaro unterzeichnete zudem eine Anordnung, die alle Minister dazu auffordert, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um Brände im Amazonasgebiet zu überwachen und zu bekämpfen. Ziel sei die „Erhaltung und Verteidigung des Regenwaldes im Amazonasgebiet, unseres nationalen Erbes“, hieß es.

Die schweren Flächenbrände haben generell internationale Superstars auf den Plan gerufen. Neben DiCaprio rufen Prominente wie Madonna, Cristiano Ronaldo, Brad Pitt, Cara Delevigne und Kris Jenner in sozialen Netzwerken und mit Hashtags wie #prayforamazonia oder #amazonfires Politiker weltweit auf, Maßnahmen zu setzen.

Auch Präsident Alexander van der Bellen äußerte sich auf Twitter. „Die Bilder, die uns derzeit aus Brasilien erreichen, zeigen das verheerende Ausmaß der Brände im Amazonas - das Fazit einer menschengemachten Krise ohne Rücksicht auf die indigene Bevölkerung, die biologische Vielfalt und das Weltklima“, schrieb der Bundespräsident. „Je mehr Bäume niedergebrannt werden, desto weniger Kohlendioxid können sie aus der Atmosphäre binden - mit verheerenden Auswirkungen auf das Weltklima.“

Bolsonaro scheint mit der weltweiten Aufmerksamkeit wenig Freude zu haben. In einem Facebook-Live-Video sagte er, dass jene Länder, die für die Erhaltung des Regenwaldes spendeten, das nicht aus „Wohltätigkeit“ tun würden, sondern um in die Souveränität Brasiliens einzugreifen.

Unterdessen hat die ehemalige brasilianische Umweltministerin Marina Silva schwere Vorwürfe gegen die Regierung erhoben. Die brasilianische Regierung habe durch ihre „Nachlässigkeit“ ein „zügelloses Vorgehen“ bei der Brandrodung begünstigt, sagte Silva. So seien die Brände „außer Kontrolle“ geraten. „Es gab im Amazonas-Gebiet immer Abholzung und Brände, aber niemals hat eine Regierung illegales Verhalten verteidigt“, sagte Silva am Rande einer Tagung zur Sozial- und Umweltpolitik in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota am Donnerstag. Zwar verfüge Brasilien über die technischen Voraussetzungen, um die Brände zu bekämpfen. Allerdings habe die Bolsonaro-Regierung „diese Politik aufgegeben“ und misstraue Umweltschützern und Wissenschaftern.

Die aktuelle Zerstörung des Amazonas ist auch für das Weltklima eine Belastung: „Sie führt zum Ausstoß enormer Mengen an Treibhausgasen, die sonst im Regenwald gespeichert würden“, sagte Georg Scattolin, Leiter des Internationalen Programms beim WWF Österreich, der APA. Im schlimmsten Fall könnte das Ökosystem sogar kippen - und dadurch selbst zu einer Kohlenstoffquelle werden.

Nach der weltweiten Empörung über die Brände in der Amazonasregion betonten auch die Vereinten Nationen die Bedeutung intakter Wälder. „Der Erhalt des Waldes ist für unseren Kampf gegen den Klimawandel von entscheidender Bedeutung“, sagte der Sprecher von UNO-Generalsekretär Antonio Guterres, Stephane Dujarric. Die Vereinten Nationen seien besorgt über die Lage in dem Gebiet und die bereits verursachten Schäden.

Unterdessen leitete die brasilianische Justiz wegen der Feuer erste Ermittlungen ein. Im Bundesstaat Pará solle geprüft werden, warum der von Bauern angekündigte „Tag des Feuers“ vor einer Woche nicht verhindert wurde, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. Medienberichten zufolge hatten Farmer im Südwesten von Pará zuletzt in einer koordinierten Aktion große Flächen entlang einer Landstraße in Brand gesteckt, um Platz für neue Weideflächen zu schaffen.

Laut dem brasilianischen Weltraumforschungsinstitut INPE brachen in ganz Brasilien binnen 48 Stunden fast 2.500 neue Brände aus. Demnach gab es seit Jahresbeginn bereits mehr als 75.000 Waldbrände - ein Zuwachs von 84 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Hauptgrund ist die Waldrodung.

Präsident Bolsonaro hatte zuletzt nahe gelegt, Umweltschützer hätten die Brände gelegt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und seine Regierung in ein schlechtes Licht zu rücken. „Jeder“ könne hinter den Waldbränden stecken, „aber die Hauptverdächtigen kommen von den NGOs“, setzte der Präsident hinzu. Naturschützer hingegen gehen davon aus, dass Farmer mit den Feuern neue Weideflächen erschließen. Sie könnten sich von Bolsonaro ermutigt fühlen, der sich für den Regenwald vor allem wegen dessen ungenutzten wirtschaftlichen Potenzials interessiert.

Irland drohte unterdessen mit einer Blockade des EU-Handelsabkommens mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten, wenn Brasilien den Regenwald am Amazonas nicht besser schützt. Ministerpräsident Leo Varadkar sei sehr besorgt über das rekordträchtige Ausmaß der Regenwald-Zerstörung, berichtete der „Irish Independent“ unter Berufung auf Aussagen des Regierungschefs am Freitag. „Irland wird keinesfalls für das EU-Mercosur-Freihandelsabkommen stimmen, falls Brasilien seinen Umweltschutzverpflichtungen nicht nachkommt“, wird Varadkar in dem Blatt zitiert.




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