Letztes Update am Fr, 23.08.2019 17:49

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Regenwald in Flammen - Bolsonaro erwägt Militäreinsatz



Angesichts der verheerenden Waldbrände im Amazonasgebiet verbittet sich Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro Ratschläge aus dem Ausland und erwägt nun den Einsatz von Soldaten. Diese könnten bei der Brandbekämpfung helfen, sagte der Staatschef am Freitag dem Nachrichtenportal G1. Unterdessen steigt der politische Druck auf Bolsonaro.

Der Amazonas-Regenwald gilt als grüne Lunge der Welt und ist für den globalen Klimaschutz von hoher Bedeutung. Umweltschützer werfen Bolsonaro vor, ein politisches Klima geschaffen zu haben, in dem sich Bauern zu immer mehr Abholzung und Brandrodung ermutigt sehen. Der Staatschef hat immer wieder klar gemacht, dass er die Amazonasregion vor allem als ungenutztes wirtschaftliches Potenzial sieht.

Angesichts der sich immer weiter ausbreitenden Brände und des internationalen Drucks machte die brasilianische Regierung die Brandbekämpfung zur Chefsache. Bolsonaro unterzeichnete zudem eine Anordnung, die alle Minister dazu auffordert, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um Brände im Amazonasgebiet zu überwachen und zu bekämpfen. Ziel sei die „Erhaltung und Verteidigung des Regenwaldes im Amazonasgebiet, unseres nationalen Erbes“, hieß es. Zudem wurden zusätzliche Feuerwehrleute in die betroffenen Bundesstaaten verlegt.

In Brasilien wüten derzeit die schwersten Waldbrände seit Jahren. Seit Jänner nahmen die Feuer und Brandrodungen im größten Land Südamerikas im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 83 Prozent zu, wie die Zeitung „Folha de S. Paulo“ berichtete. Insgesamt wurden demnach 72.843 Brände registriert. In den meisten Fällen waren Flächen in Privatbesitz betroffen, aber auch in Naturschutzgebieten und Ländereien der indigenen Bevölkerung brechen immer wieder Feuer aus.

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Präsident Bolsonaro hatte zuletzt nahegelegt, Umweltschützer hätten die Brände gelegt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und seine Regierung in ein schlechtes Licht zu rücken. Naturschützer hingegen gehen davon aus, dass Bauern mit den Feuern neue Weideflächen erschließen. Die Staatsanwaltschaft will nun die Verantwortlichen zur Verantwortung ziehen. „Für die Bundesstaatsanwaltschaft ist die Bekämpfung der illegalen Entwaldung Staatsräson und keine spezifische Regierungspolitik“, hieß es in der Mitteilung der Ermittler. „Der Kampf gegen Abholzung und Brandrodung ist keine Handlungsoption der öffentlichen Hand. Es ist ihre Pflicht.“

Unterdessen hat die ehemalige brasilianische Umweltministerin Marina Silva schwere Vorwürfe gegen die Regierung erhoben. Die brasilianische Regierung habe durch ihre „Nachlässigkeit“ ein „zügelloses Vorgehen“ bei der Brandrodung begünstigt, sagte Silva. So seien die Brände „außer Kontrolle“ geraten. „Es gab im Amazonas-Gebiet immer Abholzung und Brände, aber niemals hat eine Regierung illegales Verhalten verteidigt“, sagte Silva am Rande einer Tagung zur Sozial- und Umweltpolitik in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota am Donnerstag.

Auch der internationale politische Druck auf Präsident Jair Bolsonaro steigt. Die Niederlande haben Bolsonaro aufgefordert, energischer gegen die Brände vorzugehen. Premier Mark Rutte sagte am Freitag, dies sei „einfach im Interesse der ganzen Welt“. Den Haag wolle Bolsonaro gemeinsam mit anderen EU-Staaten dazu drängen, so Rutte nach Angaben der niederländischen Nachrichtenagentur ANP.

Außenhandelsministerin Sigrid Kaag wies darauf hin, dass die Europäische Union mit Brasilien und drei weiteren südamerikanischen Staaten einen neuen Freihandelsvertrag bereits weitgehend ausgehandelt habe. Dabei habe Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle gespielt. Die Brände im Amazonasgebiet würden die Bedeutung dieses Themas aktuell und dringend machen. Deutschland und Frankreich hatten das Freihandelsabkommen zuvor infrage gestellt.

Die für die Verschlechterung des Klimas herrschende Situation angesichts der Waldbrände wird auch beim am Samstag im französischen Biarritz stattfindenden G-7-Gipfel der großen Industrienationen zur Sprache kommen. Vor allem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron drängte darauf und legte sich mit Bolsonaro an.

Aktivisten fordern unterdessen schnelles Handeln. Die Brände seien wegen der großen Bedeutung der Wälder für den Klimaschutz auch keine innere Angelegenheit Brasiliens, wie Bolsonaro vorgebe. „Die Welt vertrödelt die wenige verbliebene Zeit, um die Menschheit zu retten“, sagte der australische „Waldmacher“ und Agrarexperte Tony Rinaudo, der 2018 den Alternativen Nobelpreis für eine regenerative Methode der Wiederaufforstung bekommen hatte. „Jedes Großfeuer, egal wo, ist von globaler und nicht nur lokaler Bedeutung. Wir alle verlieren.“




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