Letztes Update am Mo, 26.08.2019 09:46

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Die Buchpreis-Nominierung hat mich schon gewundert“



Im Fußball würde man von einem Blitzstart sprechen. Vor kurzem kannte niemand den Namen Tonio Schachinger. Nun liest man ihn in Zeitungen von der Nordsee bis zum Wörthersee, verfügt er über einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Verantwortlich dafür ist sein erster publizierter Text. Sein Roman „Nicht wie ihr“ wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Der APA gab er das erste Interview seines Lebens.

„In der Literatur gilt man mit 27 noch als jung. Gott sei Dank“, lacht Tonio Schachinger, der hofft, dass der Leser erkennt: „Viel, was in dem Buch über Fußball gesagt wird, kann auch über Literatur gesagt werden.“ Es gebe auch hier Agenten, Vereinswechsel und Leistungsdruck. Im Fußball sei allerdings deutlich mehr Geld im Spiel, gibt er zu. Seine Hauptfigur Ivo Trifunovic verdient bei Everton 100.000 Euro pro Woche. Tonio Schachinger dagegen ist froh, dass er überhaupt einen Verlag gefunden hat, der sein Debüt herausbringt - ganz ohne großen Vorschuss.

Antonio Schachinger (seine erste Vornamensilbe hat er für das Buch gestrichen) wurde am 29. Jänner 1992 als Sohn eines österreichischen Diplomaten und einer Künstlerin mit mexikanischen und ecuadorianischen Wurzeln in New Dehli geboren. Die Eltern hatten einander in Wien kennengelernt, als Tonios Mutter an der Akademie Malerei studierte. „An Indien habe ich keine Erinnerung, an die folgenden Jahre in Nicaragua schon.“ Nach der Scheidung der Eltern hatte das Nomadenleben der Familie ein Ende, eingeschult wurde Tonio bereits in Wien, wo er seither lebt. Gelegentlich besucht er Verwandte mütterlicherseits in Ecuador.

Schachinger studiert Romanistik und Germanistik an der Uni Wien, wo er sich in den kommenden Monaten seiner Diplomarbeit über subversive Strategien in zeitgenössischen österreichischen Rap-Texten widmen will, sowie Sprachkunst an der Angewandten. Im vergangenen Jahr habe er kaum Kurse besucht, um sich auf seinen Roman zu konzentrieren, räumt er ein. In einer Lehrveranstaltung der Autorin Anna Kim hat „Nicht wie ihr“ seinen Ausgang genommen. Kim habe ihn enorm unterstützt, sowohl beim Schreibprozess als auch später bei der Verlagssuche, erzählt der junge Autor.

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Ja, und der Fußball? Er sei kein Fanatiker, bloß gelegentlicher Hobby-Kicker, sagt Schachinger, dessen Lieblingsposition Verteidiger oder defensiver Mittelfeldspieler ist. „Aber ich interessiere mich für Fußball. Dabei habe ich festgestellt: Man weiß wenig über die Spieler. Sie sagen in Interviews selten etwas, das über Floskeln hinausgeht. Auch Ivo denkt viel, sagt aber wenig. Im Roman sind die tatsächlichen Dialoge im Vergleich zur Gefühlswelt der inneren Monologe gering.“ Sein Roman spart den Arbeitstag eines Fußballprofis, das harte Training und die schweren Spiele, bewusst aus und widmet sich bis auf wenige Ausnahmen einer Leerstelle. Dort überwiegt der Ennui die Freuden des Familienleben an der Seite einer attraktiven Frau und zweier Kinder deutlich.

Entsprechen seine Schilderungen nun annähernd der Realität, oder ist alles nur Erfindung? „Es steht nicht zufällig Roman drauf“, schmunzelt der Autor. „Es ist kein Schlüsselroman, aber natürlich habe ich vorher auch dazu recherchiert.“ Eine gute Quelle seien etwa die Social Media Kanäle der Fußballer. „Ich war auch ein paar Mal beim Training der Fußballnationalmannschaft.“ Tonio Schachinger (bei dessen Namen man in dem Zusammenhang unweigerlich an Toni Polster und Walter Schachner denken muss) ist Fan des Nationalteams. Und hat beim rot-weiß-roten EM-Desaster mitgelitten. Auch Ivo Trifunovic trägt immer wieder stolz das Nationaldress und läuft an der Seite von Alaba, Arnautovic und Co auf. Die Verzahnung mit der Realität sei ihm gar nicht so schwer gefallen, habe aber manche Gefahren mit sich gebracht, meint der Autor: „Wir haben das Manuskript rechtlich von einem Medienanwalt gegenchecken lassen.“ Doch nur Kleinigkeiten mussten geändert worden. Ein Sportjournalist, der besonders schlecht wegkommt, schreibt in der Letztfassung eben für die „Kaiser-Zeitung“.

Doch Schachinger hofft, dass sein Buch nicht bloß als Fußballroman aufgenommen wird. „Ein großes Thema ist etwa das verkorkste Männerbild, das im Fußball besonders stark ausgebildet ist. Oder der turbokapitalistische Aspekt des Ganzen: Es ist eine Welt, in der die Großen die Kleinen fressen. Das ist ja in vielen Bereichen so.“ Zum Abschluss bekommt Schachinger, der in seinem Leben bisher erst eine einzige Lesung gemacht hat, noch eine klassische Sportreporterfrage: Wie geht‘s ihm vor seinen ersten Auftritten in der Premier League der Literatur? Bauchgrimmen, Angstschweiß oder reines Adrenalin? Der junge Autor gibt grinsend eine gelassene Antwort: „Ich schau mir das mal an...“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)




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