Letztes Update am Mo, 26.08.2019 09:54

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kirill Petrenko reißt Publikum in Salzburg vom Hocker



Kirill Petrenko ist seit Freitag offiziell Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Bereits letztes Jahr kam er mit seinem Orchester zu den Salzburger Festspielen und ließ ein gutes Gefühl für diese neue Partnerschaft zurück. Ein Jahr später ist dieses Gefühl noch gefestigter und das Publikum im Großen Festspielhaus noch begeisterter.

Beethoven und Berg, das Programm des Wochenendes. Am Freitag feierte Petrenko mit Alban Bergs „Lulu-Suite“ und Beethovens Neunter Symphonie offiziell seinen Einstand, führte die Werke am Samstag vor gut 30.000 Zuschauern zum 30. Jubiläum des Mauerfalls vor dem Brandenburger Tor auf und packte dann genau dieses Programm und sein neues Orchester ein, um damit am Sonntagabend bei den Salzburger Festspielen aufzutreten. Ein straffes Programm zum Start, das er genauso straff dirigierte.

Die Freude auf Beethovens Neunte war groß, immerhin hatte Petrenko bereits im vergangenen Jahr gezeigt, dass er und die Berliner Philharmoniker ein gutes Händchen für den Großmeister haben. Frisch und farbig hatten sie damals die Siebte gespielt, doch jetzt schien alles ganz anders, denn mit der „Lulu-Suite“ von Alban Berg stand ein Werk auf dem Programmzettel, das vor Dunkelheit nur so strotzt. Der neue Chefdirigent bereitete sein Publikum schonend vor. Sehr symphonisch, fast ein bisschen schwelgend stiegen sie ein, doch alsbald folgte der harte Bruch, das „Lied der Lulu“. Marlis Petersen sang eiskalt und unschuldig zugleich vom Tod, den sich andere ihretwegen genommen haben. Für diese Interpretation der Lulu wird Petersen nicht umsonst international gefeiert. Mit dieser Kälte zogen Dirigent und Orchester weiter in die Variationen, und nach gut einer halben Stunde fragte man sich, ob der neue Chef sein Orchester zum Einstand eigentlich gleich wieder auseinandernehmen wollte.

Nach der Pause sollte die Erleuchtung folgen. Aus den düsteren Tälern der Berg-Suite sollte Beethovens Neunte wie Phönix aus der Asche entsteigen, auch, wenn ein Stück der kalten und gewaltigen Stimmung aus der vorangegangenen Suite noch in den Gliedern der Musiker steckte. Die ersten beiden Sätze strotzen nur so vor Kraft, und diese befeuerte Petrenko vor allem noch in den Streichern und im Blech. Ein bisschen Erholung boten die Holzbläser zwischendurch und dann der dritte Satz. Doch dieser bot nur kurze Einkehr, er war die Ruhe vor dem Sturm, den Bass Kwangchul Youn gradlinig ankündigte. So fügten sich auch Marlis Petersen, Elisabeth Kulman und Benjamin Bruns ein. Keine falsche Sentimentalität oder Ehrfurcht, sondern klare und ehrliche Freude gaben sie von sich.

Und dann zündete Kirill Petrenko sein wahres Eröffnungsfeuerwerk im vierten Satz. Ein Kracher jagte den nächsten, die Tempi ließ er immer noch weiter in Fahrt kommen und die Götterfunken schossen nur so in den verschiedensten Klangfarben durchs Orchester und auf das Publikum über. Auch die großen Chorpassagen strotzten nur so vor Kraft und Festlichkeit und nach einer finalen Klangexplosion, von deren Wucht sogar Petrenko in die Luft gehoben wurde, riss es auch das Publikum von den Sesseln. Minutenlange stehende Ovationen und Jubel folgten, Freude im gesamten Großen Festspielhaus.

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