Letztes Update am Mi, 28.08.2019 12:06

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Brasilien grundsätzlich offen für Hilfe bei Amazonas-Bränden



Die brasilianische Regierung hat sich grundsätzlich offen für ausländische Hilfe im Kampf gegen die Waldbrände im Amazonas-Gebiet gezeigt. Die Verwendung des Geldes müsse aber von der brasilianischen Regierung kontrolliert werden, sagte Präsidentensprecher Otavio Rego Barros. Experten warnen vor einem Wendepunkt bezüglich des Bestands des Regenwaldes.

Die Regierung sei „offen“ für finanzielle Unterstützung von Organisationen und anderen Staaten, solange dies die „brasilianische Souveränität“ nicht verletze und die Verwendung der Mittel „in unserer Verantwortung steht“. Die G-7-Staaten hatten Brasilien angesichts der verheerenden Amazonas-Waldbrände umgerechnet 18 Millionen Euro an Soforthilfen zugesagt.

Seitdem gab es aus Brasilien widersprüchliche Signale: Während Umweltminister Ricardo Salles die Unterstützung durch die G-7 zunächst begrüßte, wies der Kabinettschef von Präsident Jair Bolsonaro, Onyx Lorenzoni, das Angebot harsch zurück.

Bolsonaro selbst zeigte sich dann später offen für Hilfe - unter der Bedingung, dass Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron gegen ihn gerichtete „Beleidigungen“ zurücknehme. Der ultrarechte Staatschef wirft dem französischen Präsidenten vor, ihn als „Lügner“ bezeichnet und die Souveränität Brasiliens über den Amazonas infrage gestellt zu haben. Bolsonaro und mehrere seiner Minister haben in den vergangenen Tagen selbst scharfe Attacken gegen Macron gefahren und dabei auch vor persönlichen Beleidigungen nicht halt gemacht.

Unterdessen bekommt Bolsonaro auch in Brasilien Gegenwind zu spüren: Die Gouverneure des Amazonasgebiets fürchten internationale Wirtschaftssanktionen und einen schweren Imageschaden wegen des Streits um die Waldbrände.“Wenn sich Brasilien auf internationaler Ebene isoliert, setzt es sich ernsten Handelssanktionen gegen unsere Produzenten aus“, sagte der Regierungschef des Bundesstaates Maranhão, Flávio Dino, bei einem Treffen der Gouverneure mit Bolsonaro.

Der Staatschef hatte zuvor eine Entschuldigung von Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron gefordert, bevor er die von den Industrieländern angebotene Hilfe bei den Löscharbeiten annehmen will. Er warf Macron vor, ihn als Lügner bezeichnet und die Souveränität des Amazonasgebiets infrage gestellt zu haben.

„Ich denke, jetzt sollten wir uns um unsere Probleme kümmern und der Welt der Umweltdiplomatie ein Zeichen geben, denn sie ist fundamental für die Landwirtschaft. Sonst erleiden wir einen schweren Imageschaden, der bereits jetzt allen Anlass zu Sorge gibt“, sagte der Gouverneur von Pará, Hélder Barbalho.

Bolsonaro gilt eigentlich als Freund der Agrarindustrie. Weil wegen seiner Umweltpolitik nun aber einige europäische Länder bei der Ratifizierung des Freihandelsabkommens zwischen der EU und dem Mercosur auf die Bremse treten, sorgen sich mittlerweile auch die brasilianischen Landwirte um ihr Exportgeschäft mit Rindfleisch und Soja.

„Brasilien hat sich mit Abschluss des Mercosur-Abkommens zu einer nachhaltigen Waldwirtschaft bekannt“, sagte die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) der „Welt“. „Wenn das Land dieser Verpflichtung nicht nachkommt, werden wir nicht tatenlos zuschauen.“ Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur beinhaltet ein Nachhaltigkeitskapitel mit verbindlichen Regelungen. „Wenn diese nicht eingehalten werden, kann es die vereinbarten Zollerleichterungen nicht geben“, sagte Klöckner.

Die deutsche Bundesregierung muss sich nach den Worten von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) dafür einsetzen, die Abholzung der Wälder zu stoppen. „Der Regenwald darf nicht für neue Sojafelder brennen“, sagte Müller der „Passauer Neuen Presse“. „Ein wichtiger Schritt wäre, auf Schweinemast auf Basis billiger Sojaimporte von gerodeten Flächen zu verzichten.“

Auch wegen seiner umstrittenen Äußerung zu Umweltschützern bekam Bolsonaro von den Gouverneuren Kontra. Der Staatschef hatte zuletzt behauptet, Nichtregierungsorganisationen (NGO) könnten die Waldbrände gelegt haben, um sich für die Streichung öffentlicher Mittel zu rächen und seine Regierung zu diskreditieren. „Ich gehöre nicht zu denen, die Nichtregierungsorganisationen verteufeln“, sagte nun Gouverneur Dino. „Ich halte das für einen Fehler, denn es gibt in der Welt und in Brasilien sehr ernsthafte NGOs.“

Rückendeckung erhielt Bolsonaro hingegen von US-Präsident Donald Trump. „Ich habe Präsident Jair Bolsonaro gut kennengelernt“, schrieb er auf Twitter. „Er arbeitet sehr hart wegen der Brände im Amazonasgebiet und macht einen großartigen Job für das brasilianische Volk.“

Bolsonaro bedankte sich ebenfalls bei Twitter: „Vielen Dank, Präsident Trump. Wir bekämpfen die Waldbrände mit großem Erfolg. Brasilien ist und wird immer eine internationale Referenz in nachhaltiger Entwicklung sein. Die Fake-News-Kampagne gegen unsere Souveränität wird nicht funktionieren.“

Laut Experten droht der Zustand des Amazonas-Regenwalds zu kippen. Der Chef der Internationalen Tropenholz-Organisation (ITTO), Gerhard Dieterle, sagte am Mittwoch, die Brände im Regenwald berührten den „Bestand des Regenwaldes als Ganzes“. Die Lage am Amazonas sei sehr dringlich. „Viele Experten befürchten, dass es ein Wendepunkt ist“, sagte Dieterle.

„Wenn dichte tropische Wälder von Waldbränden betroffen sind, brauchen sie viele, viele Jahre, um sich neu zu gruppieren. Das wird das Klima ändern, das örtliche Klima, das nationale Klima und das regionale Klima. Es wird auch das globale Klima beeinflussen“, sagte Dieterle, der über 35 Jahre Erfahrung in Forst-, Umwelt- und Entwicklungspolitik verfügt und früher unter anderem für die EU-Kommission arbeitete.




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