Letztes Update am So, 01.09.2019 06:03

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Glaube und KI bei Ars Electronica kein Widerspruch



Erstmals veranstaltet die Ars Electronica heuer das „AIxMusic Festival“. Es wird am Samstag, 7. September, auch im Augustiner Chorherrenstift St. Florian über die Bühne gehen. Dass ein religiöses Haus Herberge für Artificial Intelligence wird, entspricht für Kustos Harald Ehrl in gewisser Weise dem „Schöpfungsglauben“, meinte er im Interview mit der APA. Und: „Ein Kloster ist nicht aus der Welt.“

Nicht das erste Mal quartiert sich die Ars im Stift ein, „ich war schon 2002 in der Mitte des Geschehens dabei“. Es habe ihn „recht fasziniert, weil sich dieses alte Haus mit seiner 1000-jährigen Geschichte so zeitgenössischen Medien öffnen konnte“, erinnert sich Ehrl. Dies sah und sieht er aber nicht als ein Aufeinandertreffen unterschiedlicher Welten, mit den historischen Kunstschätzen auf der einen und der Medienkunst auf der anderen Seite. Denn die Kirche habe „die neuesten Vermittlungsmethoden, seien es Bilder oder Bücher, immer schon gebraucht, um die Botschaft, die Messages näher zu bringen“, meint der Kustos.

So steht für ihn Religion und Künstliche Intelligenz auch keineswegs im Widerspruch, Ehrl zieht sogar Parallelen zum „Schöpfungsglauben mit Gott als Schöpfer. Da war eine künstlerische Intelligenz, die die Welt erschaffen hat und die in die gesamte Schöpfung mit Menschen, Tieren, Pflanzen etwas von dieser Intelligenz hineingelegt hat. Und in der KI, deren Schöpfer der Mensch ist, steckt auch etwas Menschliches: Das Ingenium, der Schöpfergeist.“

Wichtig sei bei der Entwicklung jedoch, dass „was der Mensch durch seine Intelligenz schafft, auch die Züge des guten Menschlichen behält“, betont der Theologe. Dann werde „uns nämlich die künstliche, von Menschen geschaffene Intelligenz auch nicht schaden“. Sprich, der Mensch entscheide über Wert oder Unwert des Fortschritts. Die Moraltheorie spreche von Adiaphora, den sittlich neutralen Werten. Gemeint sei damit, dass „die Dinge an sich noch nicht gut oder böse“ seien, „ein Fernseher ist moralisch indifferent, wir machen von ihm einen guten Gebrauch oder nicht, das ist es, was das Gerät letztendlich ausrichtet.“ Gebe es kein „sicheres Wissen darüber, wie es sich entwickelt, dann wird das Ding zur Bedrohung“.

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Zeichne sich ein Weg „gegen das Wohl des einzelnen und der Schöpfung“ ab, habe sich die Kirche einzuschalten, definiert der Geistliche deren Aufgabe: „Ja sagen, was der Schöpfung dient, was ihr schadet, letztendlich ablehnen.“ Da unterscheide sich seiner Meinung nach die Kirche nicht vom Anspruch der Ars Electronica. Bei dem Festival „staunt man nicht, weil eine unvollendete Mahlersymphonie von einem PC zu Ende komponiert wird. Das Festival will sich, auch bei uns im Haus, der Frage stellen: Wie schaut es mit der Verantwortung aus, wer hat das Urheberrecht: Das Programm oder der Mensch, der das PC-Programm entwickelt hat? Weder Staunen noch Verdammen, sondern einen vernünftigen Weg zu finden, mit den Dingen umzugehen“, dieser Diskurs verbinde die Kirche mit dem Festival.

Was genau am 7. September in den einzelnen Performances rund um AI und Musik im Stift passieren werde, weiß Ehrl noch gar nicht. „Da lass auch ich mich überraschen“, sagt der Gastgeber, der aber selbst an dem Tag aktiv ist und durch die Bibliothek führt. „Unsere Stiftsbibliothek ist nichts anderes als eine riesige Festplatte, ein Buch ist ja ein Speichermedium“, knüpft er den Konnex zum Festival. Und dann gibt er einen kleinen Einblick in seine Führung, die demnach auch mehr als ein Abspulen von Fakten zu sein habe: „Wenn man in den Hauptsaal der Bibliothek hineingeht, steht man in einem Raum, der von oben bis unten mit Büchern angefüllt ist. Über der Tür steht ein Spruch, der im Deckenfresko malerisch umgesetzt wurde. Es gibt Antwort auf die Frage: Wie kannst du mit diesem Wissen, mit dieser Menge an Daten umgehen? - dargestellt in einer Hochzeit.“

Ehrls Interpretation des Freskos: „Das Wissen, das ich mir aneigne, hat seine Korrektur in den Tugenden mit ihren lebenspraktischen, lebensfördernden Haltungen (die Liebe wird mit der Hochzeit symbolisiert, Anm.)“ Als Beispiel nennt er die Klugheit. „Wir können heute alles machen, könnten die Erde fünfmal zerbröseln, aber: Was hat das für Folgen? Hier kommt man zum Kern der Frage nach einer wissenschaftlichen Ethik: Darf ich alles tun, was ich kann? Ausbildung ohne Bildung führt zu Wissen ohne Gewissen“, dieser Spruch in einem Jahresbericht der Schule des Stifts treffe es für den Kustos auf den Punkt. Denn „ein gewissenloses Wissen kann dem Menschen zum Verhängnis werden“. Darum drehe sich letztendlich auch die Ars Electronica.




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