Letztes Update am So, 01.09.2019 16:33

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gedenkfeier zum Beginn des Zweiten Weltkriegs in Warschau



Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei der zentralen Gedenkfeier zum Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren in Warschau an die historischen Verbrechen Deutschlands erinnert. „Ich stehe hier in Demut und in Dankbarkeit“, sagte Steinmeier am Sonntag auf dem Pilsudski-Platz. Österreich war durch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) vertreten.

„Ich verneige mich in Trauer vor dem Leid der Opfer. Ich bitte um Vergebung für Deutschlands historische Schuld. Ich bekenne mich zu unserer bleibenden Verantwortung.“

Der polnische Präsident Andrzej Duda empfing auf dem Pilsudski-Platz im Zentrum der polnischen Hauptstadt Staatsgäste aus mehr als 30 Ländern. Unter ihnen befanden sich auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Vizepräsident Mike Pence.

„Das Gedenken auf höchster politischer Ebene in der polnischen Hauptstadt am historischen Tag des Kriegsbeginns ist ein wichtiges Zeichen unseres gemeinsamen Bekenntnisses zu Demokratie, Freiheit und Frieden in Europa und darüber hinaus“, sagte Sobotka bei der Kranzniederlegung am Pilsudski-Platz. Während seines Aufenthalts traf der Nationalratspräsident auch mit polnischen KZ-Überlebenden zusammen, die in den Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen gefangen waren.

„Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ist untrennbar verbunden mit der Erinnerung an den Terror der Nationalsozialisten und die Shoah. Gedenken heißt für mich zuallererst, den Überlebenden zuzuhören, die von dem Leid berichten, das ihnen angetan wurde“, unterstrich Sobotka. Daraus entstehe die Verantwortung vorauszudenken, Schlüsse für die Zukunft zu ziehen, und Extremismus in all seinen Formen zu bekämpfen. „Bildung ist der wesentliche Schlüssel, um das Andenken an die Opfer der NS-Zeit für immer in unserem kollektiven Gedächtnis zu verankern.“

Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 markierte den Beginn des Zweiten Weltkriegs. „Meine Landsleute entfesselten einen grausamen Krieg, der mehr als fünfzig Millionen Menschenleben kosten sollte, unter ihnen Millionen polnische Bürgerinnen und Bürger“, sagte Steinmeier. „Dieser Krieg war ein deutsches Verbrechen.“

Die Vergangenheit sei nicht abgeschlossen: „Wir vergessen die Wunden nicht, die Deutsche Polen zugefügt haben“, betonte Steinmeier und fügte auf Polnisch hinzu: „Wir werden niemals vergessen.“

Steinmeier verwies in seiner Rede auch auf die Aussöhnung der beiden Nachbarländer: „Dass auf diesem Platz, an diesem Tag ein deutscher Präsident vor Ihnen stehen und sprechen darf - das zeigt das lebendige Wunder der Versöhnung.“ Diese Versöhnung sei eine Gnade, „die wir Deutschen nicht verlangen konnten, aber der wir gerecht werden wollen“.

US-Präsident Donald Trump hatte seine Teilnahme an der Gedenkfeier in Warschau wegen des Hurrikans „Dorian“ kurzfristig abgesagt und schickte seinen Stellvertreter Pence nach Warschau. Auch der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj zählte zu den Gästen der Zeremonie. Der russische Präsident Wladimir Putin hingegen wurde zum Ärger Moskaus nicht eingeladen.

Steinmeier hatte bereits am frühen Sonntagmorgen in der Kleinstadt Wielun gemeinsam mit Duda an den ersten Angriff der deutschen Luftwaffe auf Polen erinnert. Der deutsche Bundespräsident bekannte sich zur historischen Schuld Deutschlands und bat Polen um Vergebung. Duda hatte Steinmeier noch vor dem Morgengrauen auf dem Marktplatz von Wielun empfangen - genau 80 Jahre nach dem Beginn des Bombardements.

Die deutsche Luftwaffe hatte den Ort zwischen Breslau (Wroclaw) und Lodz weitgehend zerstört. Etwa 1.200 Zivilisten wurden getötet. Die ersten Bomben auf Wielun fielen gegen 4.40 Uhr. Wenige Minuten später nahm dann das deutsche Kriegsschiff „Schleswig-Holstein“ ein polnisches Munitionsdepot auf der Halbinsel Westerplatte vor Danzig (Gdansk) unter Beschuss.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen rief anlässlich des Jahrestags zum Einsatz für eine friedliche Zukunft auf. Zudem würdigte er das „Gemeinsame Europa“ als „einzigartiges Friedensprojekt“. „Im Gedenken an die schreckliche Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, im Gedenken an die Verfolgten und die Vertriebenen, im Gedenken an die vielen getöteten Zivilisten und Soldaten, im Gedenken besonders an jene, die mutig Widerstand geleistet oder Verfolgten Schutz und Hilfe gewährt haben und dafür oft selbst mit dem Leben bezahlen mussten, sollten wir gemeinsam unser Möglichstes tun, uns Krieg und Faschismus entgegenstellen und uns für eine friedliche Zukunft einsetzen“, unterstrich Van der Bellen.

Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein betonte, dieser Tag mahne zur Erinnerung, „wohin Totalitarismus, Fremdenhass und Verblendung führen“ könnten. „Gleichzeitig erinnert uns der 1. September 1939 an unsere immerwährende Verpflichtung, die demokratischen Errungenschaften zu hüten, als Gesellschaft das Miteinander stets vor das Trennende zu stellen und den Zusammenhalt in einem geeinten Europa zu stärken“, wurde Bierlein von Regierungssprecher Alexander Winterstein auf Twitter zitiert.




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