Letztes Update am Di, 03.09.2019 10:44

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zahl der Todesopfer nach Anschlag in Kabul auf 16 gestiegen



Ungeachtet eines offenbar kurz bevorstehenden Abkommens mit den USA über Wege zu Frieden in Afghanistan erhöhen die radikalislamischen Taliban die Zahl ihrer Angriffe. Bei einem Autobombenanschlag in der Hauptstadt Kabul in der Nacht auf Dienstag sind offiziellen Angaben zufolge mindestens 16 Menschen getötet und weitere 119 verletzt worden.

In einem nur wenige Minuten vor dem Anschlag vom TV-Sender ToloNews ausgestrahlten Interview hatte der US-Sondergesandte für Afghanistan, Zalmay Khalilzad, erklärt, man habe sich mit den Taliban „grundsätzlich“ geeinigt. Bei den seit rund einem Jahr laufenden USA-Taliban-Gesprächen geht es vor allem um Truppenabzüge und Garantien der Taliban, dass Afghanistan kein sicherer Hafen für Terroristen wird. In der Folge sollen innerafghanische Friedensgespräche geführt werden.

Die „grundsätzliche“ Einigung zwischen den USA und den Taliban sei aber erst endgültig, wenn sich US-Präsident Donald Trump damit einverstanden erkläre, sagte Khalilzad. Sollte Trump zustimmen, könne das Abkommen in den kommenden Tagen verkündet werden. Vonseiten der Taliban gab es vorerst keinen Kommentar dazu.

Trotz des geplanten Teilabzugs der USA aus Afghanistan will die NATO an der Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte festhalten. Das Bündnis bleibe diesem Ziel verpflichtet, erklärte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag nach einem Treffen mit US-Außenminister Mike Pompeo in Brüssel. Vor allem in Afghanistan, aber auch in einigen NATO-Staaten gibt es die Befürchtung, dass es im Fall eines schnellen Truppenabzugs wieder zu einer Destabilisierung des Landes und zu Rückschritten bei Demokratie und Menschenrechten kommen könnte.

Die Autobombe in Kabul in der Nähe einer Wohn- und Büroanlage für Ausländer war der dritte aufsehenerregende Angriff in Afghanistan binnen drei Tagen. Am Samstag hatten Hunderte Taliban-Kämpfer versucht, die nördliche Provinzhauptstadt Kunduz zu überrennen. Am Sonntag griffen Taliban-Kämpfer die Provinzhauptstadt Pul-e Khumri an. In beiden Städten starben nach offiziellen Angaben mindestens 32 Sicherheitskräfte und Zivilisten.

Khalilzad schrieb auf Twitter, er habe den Angriff auf Kunduz bei den Verhandlungen in der katarischen Hauptstadt Doha zur Sprache gebracht. Gewalt wie in Kunduz müsse aufhören. In dem Interview am Montagabend versprach er, dass im Falle eines USA-Taliban-Abkommens in einer ersten Phase die Gewalt in den Provinzen Kabul und Parwan, wo sich der US-Luftwaffenstützpunkt Bagram befindet, reduziert würde. Wenige Minuten später war die immense Detonation der Autobombe in großen Teilen Kabuls zu hören und zu spüren.

Die Taliban erklärten über Twitter, der Angriff in Kabul sei „die Stimme jener unterdrückten Landsleute, die getötet und verwundet werden und deren Häuser durch wiederholte Bombenangriffe und Überfälle zerstört werden“.

Im ersten Halbjahr 2019 war die Zahl der zivilen Opfer durch Luftangriffe und Bodeneinsätze der afghanischen Regierungstruppen und ihrer US-Verbündeten um 31 Prozent gestiegen. Zählt man nur die getöteten Zivilisten, waren die regierungstreuen Truppen für mehr Opfer verantwortlich als die Taliban, die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) und andere regierungsfeindliche Kräfte.

Afghanen warfen den Taliban in den vergangenen Tagen in sozialen Medien vor, nicht an einem Frieden interessiert zu sein. Aktivisten spekulierten zudem darüber, ob die Taliban-Verhandler in Doha überhaupt einen Einfluss auf die Kommandeure in Afghanistan hätten.

Analysten zufolge sehen die Taliban militärische Gewinne als wichtiges Druckmittel in den Gesprächen über Frieden. Sie sähen zudem ohne offiziellen Waffenstillstand keine Notwendigkeit, die Angriffe einzustellen und verwiesen darauf, dass auch die Sicherheitskräfte ihre Angriffe gegen sie weiterführten.

Am Dienstag brachen nach dem Autobombenanschlag rund um die angegriffene Wohn- und Büroanlage für Ausländer Proteste aus. Hunderte Menschen hätten erst gefordert, dass Einrichtungen für Ausländer in Gebiete verlegt würden, die von Wohngegenden weit entfernt seien, berichtete der lokale TV-Sender ToloNews. Wenig später seien sie in die stark geschützte Anlage vorgedrungen und hätten Teile in Brand gesetzt.

Das sogenannte „Green Village“ für Ausländer war in diesem Jahr bereits im Jänner Ziel eines Anschlags. Damals starben nach offiziellen Angaben vier Menschen, mehr als 100 wurden verletzt. Beide Angriffe reklamierten die radikalislamischen Taliban für sich. Bei beiden Anschlägen wurden zudem Dutzende umliegende Wohnhäuser und Geschäfte massiv beschädigt, teils blieben nur einzelne Wände stehen. Lokale Journalisten stellten zudem die offizielle Opferzahl in Frage. Dem gut vernetzten Journalisten Bilal Sarwari zufolge kamen bei dem Anschlag Montagabend mindestens 40 Menschen ums Leben.




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