Letztes Update am Mi, 04.09.2019 16:19

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Integration: Zuwanderung sinkt, Herausforderungen bleiben



Die Netto-Zuwanderung nach Österreich ist im Vorjahr gesunken, Flüchtlinge fassen am Arbeitsmarkt langsam Fuß und Zuwanderinnen beginnen sich allmählich in den Regelstrukturen zu integrieren. Trotz dieses tendenziell positiven Befunds im am Mittwoch präsentierten Integrationsbericht wird festgehalten, dass noch immer genug zu tun ist. SPÖ und NEOS reagierten mit Kritik.

Die Herausforderungen blieben enorm, meinte Integrationsminister Alexander Schallenberg. Vielen Flüchtlingen stehe noch ein harter langer Integrationsweg bevor. Um diesen bewältigen zu können, werde es stärkere Investitionen in Sachen Spracherwerb brauchen, mahnte Wirtschaftsforscherin Gudrun Biffl, eine der Autorinnen des Berichts. Die Leiterin des Expertenrats für Integration Katharina Pabel kalmierte freilich, dass jeder, der Bedarf an einem Deutschkurs habe, diesen auch bekomme.

Aufholbedarf haben Zuwanderer, speziell Flüchtlinge jedenfalls noch am Arbeitsmarkt. So lag die Erwerbsbeteiligung von Personen ohne Migrationshintergrund 2018 bei 75,3 Prozent, jene von Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak hingegen bloß bei 35,7 Prozent. Immerhin: Innerhalb von einem Jahr ist letzterer Prozentsatz von 27,1 Prozent ordentlich angestiegen. Dass mittlerweile 53 Prozent der seit 2011 nach Österreich gekommenen Asylwerber einer Tätigkeit nachgingen, müsse Österreich in Europa einmal jemand nachmachen, meinte Biffl.

Was die Mindestsicherung angeht, sind Asylwerber überproportional vertreten, nämlich mit rund einem Drittel der Bezieher. Für Pabel ist die steigende Tendenz eigentlich nur logisch, seien doch jetzt auch viel mehr Asylverfahren abgeschlossen, womit beschäftigungslose Flüchtlinge ins Regime der Mindestsicherung fallen.

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Die große Bewegung Richtung Österreich scheint indes vorbei. Lag die Netto-Zuwanderung laut Biffl 2015 noch bei 113.000 Personen, ist sie im vergangenen Jahr auf etwa 35.000 gesunken, eine Zahl, wie man sie aus der Vergangenheit kenne. Gleiches gelte für die Asylanträge, die am Niveau beispielsweise von 2006 oder 2011 lägen: „Wir haben ein Niveau erreicht, das wir gewohnt waren.“

Insgesamt ist der Anteil an Personen mit Migrationshintergrund in den vergangenen Jahren hingegen schon beträchtlich gestiegen. Im Jahresdurchschnitt 2018 lebten laut Statistik Austria rund 2,02 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln in Österreich. Das sind um 400.000 bzw. 25 Prozent mehr als fünf Jahre davor. Der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund stieg in dieser Periode von 19,4 Prozent auf 23,3 Prozent.

Im Schuljahr 2017/2018 waren rund 15,5 Prozent der Schüler in Österreich ausländischer Staatsangehörigkeit. Dies bedeutet im Vergleich zum Vorjahr (14,8 Prozent) einen leichten Anstieg. Das ging nun aus den Zahlen des Integrationsberichts des Außenministeriums hervor. Die größte Herausforderung in Schulen ist laut Biffl die Sprache.

Dem Bericht ist zu entnehmen, dass 2017/18 rund 26 Prozent der Schüler nicht Deutsch als Umgangssprache verwendeten. Dieser Anteil sei im Vergleich mit dem EU- und OECD-Schnitt überproportional hoch. In Wien liegt der Anteil bei rund 52 Prozent. Daher sieht Biffl hier besonders großen Handlungsbedarf. Insbesondere bei Schülern mit Migrationshintergrund in zweiter Generation sei der Anteil im Vergleich sehr hoch. Sie empfiehlt hier verstärkte Förderungen, um diesen Schülern adäquate Chancen zu ermöglichen. Als konkrete Maßnahmen nennt sie Investitionen in den Sprachunterricht, verstärkte außerschulische Jugendarbeit, sowie eine Verbesserung der Kommunikation zwischen Eltern und Schulen.

Österreichweit wurden im Schuljahr 2017/18 40.600 Schüler sprachlich gefördert. Damit blieb die Zahl im Vergleich zum Vorjahr ziemlich konstant. Der größte Teil der Schüler in Sprachförderung ging in Volksschulen (31.331), gefolgt von Neuen Mittelschulen (6.550) und AHS (1.755). Unter den Bundesländern hat Wien mit 16.324 die meisten sprachlich geförderten Schüler, gefolgt von Vorarlberg (6.598) und Tirol (4.550).

SPÖ, NEOS und ÖVP reagierten auf die Ergebnisse des Integrationsbericht durchaus unterschiedlich. „Wenn der Integrationsbericht das Zeugnis ist, dann ist die schwarz-blaue Bundesregierung eindeutig sitzengeblieben.“ kritisierte Nurten Yilmaz, Integrationssprecherin der SPÖ, die vergangene Regierung. Gekürzte Gelder, das Ausspielen von Menschen gegeneinander, sowie das Fehlen einer Initiative für mehr Teilhabe hätten die Integrationspolitik von FPÖ und ÖVP geprägt. Auch vom Expertenrat für Integration vermisste Yilmaz Aufschreie, Proteste und vor allem Empfehlungen für ein besseres Zusammenleben in Österreich. Ihrer Meinung nach müsse man in allen gesellschaftlichen Feldern offensive Teilhabe organisieren und die Vorschläge von Städten und Gemeinden auf Bundesebene bringen.

Für Stephanie Krisper, Integrationssprecherin der NEOS zeigte der Integrationsbericht erneut: „Eine gute Bildungspolitik ist die beste Integrationspolitik.“ Laut Krisper ist eine der größten Herausforderungen die Sprache, daher fordert sie mehr Ressourcen für Deutschkurse. Auch außerschulische Förderungen sind in ihren Augen ein wichtiger Punkt.

Generalsekretär und Integrationssprecher der ÖVP, Karl Nehammer lobte die Integrationspolitik der letzten Jahre. Der Bericht zeige, dass ihr Weg in Migrationsfragen der Richtige sei, so Nehammer in einer Aussendung. Dennoch sieht er nach wie vor Handlungsbedarf und fordert eine konsequente Linie. Davor, dass eine „linke Politik von Rot-Grün-Pink“ alle bisherigen Fortschritte zunichtemache, warnt er.




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