Letztes Update am Do, 05.09.2019 10:48

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Jelineks „Wut“ feierte in Dornbirn Premiere



„Wut“ von Elfriede Jelinek ist erwartungsgemäß ein dichter Text, anspruchsvoll und fordernd. Vier Todesengel formulieren darin ihre rasende Wut. Die Premiere der neuen Produktion der Theatergruppe Unpop am Mittwoch im Kulturhaus Dornbirn wurde zu einer wütenden Abrechnung. Das Publikum spendete verhalten Applaus, was eher dem herausfordernden Werk geschuldet war als der Darstellerinnenleistung.

Der Überfall auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt für koschere Lebensmittel im Jänner 2015 in Paris inspirierten Elfriede Jelinek zum Stück „Wut“, in dem sie wie gewohnt unterschiedliche Bedeutungsebenen schichtet. Sie spricht nicht alles aus, aber vieles an. Die Wut gegen die islamistischen Terroristen vermengt sich mit einer Wut-Orgie über Götter, dem Aufeinanderprallen verschiedener Weltanschauungen, Vergleichen zu griechischen Mythen und Jelineks eigenen Ansichten. Die Autorin wütet auch gegen den Voyeurismus der ewig-präsenten Videokameras, die Opfer beim Sterben filmen. Ein Alptraum, der von der Realität erst kürzlich überholt wurde, als ein Amokläufer seinen Irrsinn per Stream ins Internet stellte.

Regisseur Stephan Kasimir stand für Jelineks Wutausbruch ein starkes Ensemble zur Verfügung. Christina Scherrer, Katharina Haudum, Michaela Spänle und Maria Strauss spielten sehr präzise. Große Teile des Textes sprachen sie als Chor und meisterten dies bis zum Ende souverän. Caro Stark verpasste den vier Frauen schwarze Arbeitskleidung, dunkle Sonnenbrillen und riesige schwarze Flügel, zudem hatte jede ein Maschinengewehr umgehängt.

Nach einem dramatischen Effekt zu Beginn des Abends öffnete sich der Vorhang und enthüllte ein fast etwas lieblich wirkendes Bühnenbild, das im Kontrast zum Text stand. Eine goldene Treppe führte in der Mitte der Bühne an die goldene Himmelspforte, in verschiedenen Farben leuchtende Wolken hingen von der Decke. Matthias Zuggal verantwortete das Lichtdesign. Auf ein Schnipsen wurde die Szenerie dunkel und im Hintergrund liefen Videoprojektionen - Zusammenschnitte der Berichterstattung über die oben genannten Amokläufe, die Stimmen der Berichterstatter vermischten sich und wurden zu einem Klangteppich, der sich düster über die beklemmend wirkende Szene legte.

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Das Publikum reagierte bei der Premiere am Ende mit verhaltenem Applaus und wirkte sichtlich erschlagen vom herausfordernden Text. Der Tenor der Gespräche der Premierenbesucher drückte Respekt vor der Darstellerinnenleistung aus, man sah sich aber überfordert von Jelineks Satzsalven und der Inszenierung. „Wut“ ist in Dornbirn noch fünf Mal zu sehen. Für das „Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung“, das erst seit 2016 besteht, ist „Wut“ bereits die siebente Produktion.

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