Letztes Update am Do, 05.09.2019 16:16

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Österreich feiert 60-jährige CERN-Mitgliedschaft



Österreich ist seit 60 Jahren Mitglied des europäischen Teilchenforschungszentrums CERN bei Genf (Schweiz). Dieses Jubiläum nimmt die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zum Anlass für eine Wissenschaftswoche von Donnerstag bis 12. September in Wien. Besucher können dabei nicht weniger als das Universum treffen, verspricht der Titel „Meet the Universe“.

Mit der vom ÖAW-Institut für Hochenergiephysik (Hephy) organisierten Ausstellung, Vortrags- und Veranstaltungsreihe in der Aula der Wissenschaften in Wien-Innere Stadt wagen sich die Wissenschafter an die großen Fragen der Physik: Was ist beim Urknall vor 13,8 Mrd. Jahren genau passiert, woraus besteht das Universum eigentlich und wie könnte es vielleicht einmal enden, was genau sind Dunkle Materie und Dunkle Energie?

Zumindest einige Antworten darauf will eine Ausstellung mit Schautafeln und Exponaten geben. Dazu gibt es Workshops für Schüler und öffentlich zugängliche Vorträge, etwa von CERN-Generaldirektorin Fabiola Gianotti oder dem Physik-Nobelpreisträger Barry C. Barish, der entscheidende Beiträge zur erstmaligen Beobachtung von Gravitationswellen geleistet hat.

Das „Centre Europeen pour la Recherche Nucleaire“ (CERN), wie es damals hieß, wurde 1954 von zwölf Ländern gegründet. Frankreich, Italien und Deutschland waren die treibenden Kräfte des internationalen Projekts, das eine Antwort auf die spektakulären Erfolge der US-Atomforschung während des Zweiten Weltkriegs war. Heute hat das CERN 23 Mitgliedstaaten, Österreich ist seit 1959 mit dabei. Mit 2.500 Mitarbeitern im Zentrum selbst (darunter 90 Österreicher) und 13.000 Nutzern weltweit (darunter 110 in Österreich) sowie einem Budget von 1,1 Mrd. Euro ist es das weltweit größte Forschungszentrum. Österreich beteiligt sich am CERN-Budget mit rund 22 Mio. Euro bzw. zwei Prozent.

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Bekannt wurde CERN vor allem mit seinen großen Teilchenbeschleunigern, mit deren Hilfe der Aufbau der Materie erforscht wird. Die Größe der Beschleuniger und die Energie, mit der winzigste Teilchen zur Kollision gebracht werden, wuchs im Laufe der Jahrzehnte ständig. Aktuell ist der Large Hadron Collider (LHC) das Herzstück des CERN, ein Teilchenbeschleuniger in einem 27 Kilometer langen Ringtunnel rund hundert Meter unter der Erde.

Dort werden Protonen auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und zur Kollision gebracht. Dabei entstehen exotische Teilchen, wie sie kurz nach dem Urknall existiert haben, die mit gigantischen Teilchendetektoren nachgewiesen werden. So wurde in den beiden Detektoren ATLAS und CMS das sogenannte Higgs-Teilchen nachgewiesen, das den Materieteilchen Masse verleiht. Dafür gab es 2013 den Physik-Nobelpreis.

Der LHC ist derzeit für zweijährige Wartungsarbeiten abgeschaltet. Parallel dazu wird an einem Ausbau des Beschleunigers mit stärkeren Magneten gearbeitet, dem sogenannten HiLumi LHC-Projekt, das 2025 fertig sein soll. Die Physiker wollen damit die Zahl der Protonenkollisionen pro Sekunde von einer auf fünf Milliarden erhöhen.

Zudem gibt es Pläne für einen neuen, noch größeren Beschleuniger am CERN in einem 100 Kilometer langen ringförmigen Tunnel. In diesem mit 24 Mrd. Euro veranschlagten Future-Circular Collider (FCC) könnten ab Ende der 2030er-Jahre Elektronen und Positronen auf Kollisionskurs gebracht werden.

Die Nachfolge des großen Teilchenbeschleunigers LHC könnte sich im Mai 2020 entscheiden. Bis dahin sollte die europäische Strategie für Teilchenphysik überarbeitet sein, sagte CERN-Generaldirektorin Fabiola Gianotti Donnerstagnachmittag bei einer Pressekonferenz in Wien anlässlich der Eröffnung der Wissenschaftswoche „Meet the Universe“.

Derzeit würden zwei Design-Studien für Nachfolge-Projekte vorliegen: Einerseits ein Linearbeschleuniger für Kollisionen von Elektronen und Positronen, genannt CLIC (Compact Linear Collider), andererseits der 100 Kilometer lange FCC. „Wir werden sehen, ob die neue Strategie einen Hinweis auf das eine oder andere Projekt gibt“, so die CERN-Chefin.

Wie realistisch die Vorhaben sind - alleine für den FCC wurden Kosten von 24 Milliarden Euro genannt -, wollte Gianotti nicht beurteilen. Sie betonte aber, dass die Ausgaben nicht auf einmal, sondern über Jahrzehnte anfallen würden und meinte: „Als Wissenschafter sollten wir nicht nur das Ziel verfolgen, die Grenzen des Wissens immer weiter hinauszuschieben. Wir sollten auch die Technologie entwickeln, die solche Projekte machbar und leistbar machen.“




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