Letztes Update am So, 08.09.2019 10:53

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Die Migrantigen“ überzeugen in den Kammerspielen



Zahlreiche tagespolitische Anspielungen von der doppelten Buchführung bis zum Ibiza-Video, eine ordentliche Portion Klischee und Tempo, Oida. Das ist die Mischung, mit der das Theater in der Josefstadt in den Kammerspielen mit der Bühnenversion von Arman T. Riahis Erfolgsfilm „Die Migrantigen“ an den Start geht. Die äußerst gelungene Produktion wurde am Samstag mit lang anhaltendem Jubel bedacht.

Im dichten Dschungel der in den vergangenen Jahren inflationär gewordenen Adaptierungen von Filmen und Romanen ist „Die Migrantigen“ ein Glücksgriff. In nur 90 pausenlosen Minuten bringt Regisseur Sarantos Georgios Zervoulakos die im Jahr 2018 für den Österreichischen Filmpreis und die „Romy“ nominierte Komödie auf die Kammerspielbühne und schafft durch konsequente Straffung der filmischen Vorlage, verdichtete Charaktere und eine nüchterne Sichtbeton-Optik (Bühne: Ece Anisoglu) einen amüsanten Abend rund um den Begriff „Migrationshintergrund“. Dieser steht in all seiner Abgedroschenheit im Zentrum der „Migrantigen“, wird er doch von einer TV-Redakteurin dazu benutzt, ein möglichst katastrophales Bild des fiktiven Wiener Viertels „Rudolfsgrund“ zu zeichnen. Blöd nur, dass sie dabei auf Marko und Benny trifft - zwei Bobos, die zwar sehr wohl über serbische respektive ägyptische Wurzeln verfügen, aber in dem Viertel eigentlich nur zu Besuch sind...

Für die auf Quoten ausgelegte Fernseh-Doku nehmen die beiden kurzerhand falsche Identitäten an und bedienen stümperhaft, aber mit umso mehr Einsatz jenes Klischee, das sich die Gesellschaft von „Menschen mit Migrationshintergrund“ erwartet. Diese Grundkonstellation ist auch der einzige Schwachpunkt der Inszenierung von Zervoulakos: Er lässt die Handlung beim AMS beginnen, wo Benny und Marko nur sehr kurz zeigen können, wer sie eigentlich sind. Allzu schnell verfallen sie in ihre angenommenen Rollen von „Omar“ und Tito“, wodurch der krasse Kontrast allein an Markos schwangerer Freundin Sophie (Gioia Osthoff) hängen bleibt, die in einer Welt lebt, in der Kinderwagen schon mal ein paar Tausend Euro kosten dürfen und der ideale Platz für die Wiege in der Wohnung für ein paar Hunderter ausgependelt wird.

Als gescheiterter Start-Up-Besitzer Marko, der sich auf der dringenden Suche nach Geld auf das Abenteuer „Tito“ einlässt, überzeugt Jakob Elsenwenger. An der Seite von Luka Vlatkovic, der sich vom frustrierten Schauspieler Benny in den Straßengangster „Omar“ verwandelt, wird er zum idealen Abziehbild eines kleinkriminellen Migranten. Unterstützt werden die beiden von Ljubisa Lupo Grujcic als Markos grimmiger Vater Herr Bilic und einer herrlichen Susanna Wiegand, die als wandlungsfähige Putzfrau so manche tagespolitische Ansage vom Stapel lässt. So putzt sie etwa bis zum 29. September (Nationalratswahl) „links, rechts, aber auch die Mitte“. Über den Mangel an gutem Personal, seit die Regierung Asylwerber in der Lehre abschiebt, wettert Özaydin Akbaba als stolzer Besitzer eines Kebab-Stands, den „Omar“ und „Tito“ durch ihre falschen Aussagen in der Doku in die Bredouille bringen. Auf den Leib - beziehungsweise an seine Bücher - rückt ihm die ehemalige Stand-Besitzerin Frau Weber (herrlich borniert: Martina Spitzer), die nun für das Marktamt arbeitet.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Und da die Bobos Benny und Marko so gar keine Ahnung haben, wie es sich als „Ausländer“ im Rudolfsgrund so lebt, heften sie sich an die Fersen des scheinbaren Gangsters Juwel (Wilhelm Iben), der ihnen die angebliche Parallelwelt dunkel ausmalt. „Da drinnen laufen ganz andere Sachen ab“, zischt er vor dem Wettbüro. „Ibiza und so ein Scheiß.“ Als TV-Redakteurin bringt - wie schon in der Filmvorlage - Doris Schretzmayer die beiden Jungs dazu, das Grätzel zu verraten. Auch zwischen ihr und ihrem Boss fliegen die Fetzen, man bedroht sich gegenseitig - „Zack, zack, zack“ - mit dem jeweiligen Verlust des Jobs beim TV-Sender, der hier ORG heißt. Die Doku selbst läuft auf mehreren Bildschirmen, live auf der Bühne aufgenommene Szenen aus dem „Ghetto“ bringen die Zuschauer zum Schmunzeln.

Es ist der klischeebeladene Blick auf beide Seiten, der „Die Migrantigen“ zu einer bissigen Komödie macht. Weder die konservative und zugleich sensationsgeile „Mehrheitsgesellschaft“, noch die sich redlich der Integration stellenden „Migranten“ kommen ohne Watschen weg. Gepaart mit Tempo, Wortwitz und liebevollen Charakterzeichnungen wird „Die Migrantigen“ zu einem gelungenen Theaterabend, der den Sprung auf die große Bühne verdient hätte.




Kommentieren