Letztes Update am Mo, 09.09.2019 12:56

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zeit- und Weltreise im Kunst Haus Wien



2019 spielt das Kunst Haus Wien Stadt-Land: Nach der Ausstellung „Über Leben am Land“ im Frühjahr widmet man sich nun dem Urbanen. Die Ausstellung „Street. Life. Photography“, die am Dienstagabend eröffnet wird, zeigt Ikonen der Street Photography von den 1930er-Jahren bis in die Gegenwart. Ein Kaleidoskop der Kontraste im raschen Wechsel zwischen Farbe und Schwarz-Weiß.

„Der Unterschied zwischen Stadt und Land spitzt sich immer mehr zu“, sagte Kunst Haus-Chefin Bettina Leidl bei der heutigen Presseführung. „Aktuell leben 60 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher im urbanen Bereich, 2050 werden es 70 Prozent sein, in ganz Westeuropa sogar 85 Prozent.“ Die bis Februar 2020 laufende Ausstellung zeige, „wie sich die Stadt durch Globalisierung und Digitalisierung von Grund auf verändert“.

Die Schau wurde von Sabine Schnakenberg für die Deichtorhallen Hamburg zusammengestellt und nun für Wien adaptiert, ehe sie nach Winterthur weiterzieht. Schnakenberg betreut seit 18 Jahren die Fotosammlung des ehemaligen Modefotografen F.C. Gundlach, der 2003 Gründungsdirektor des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen war. „Street Photography ist im Moment sehr aktuell“, sagte die Kuratorin. Deswegen habe sie überprüfen wollen, wie sich die Klassiker des Genres mit den Arbeiten heutiger Fotografen verhielten. Die Arbeit an der Ausstellung sei faszinierend gewesen. „Am Anfang weiß man nicht, wohin einen die Reise führt, aber man weiß rasch, was man nicht will.“ Ihre drei No-Gos für die Ausstellung waren eine klassisch chronologisch-didaktische Hängung, eine hochästhetische Konfrontation mit beeindruckenden Bildern, „denn da draußen ist es nicht immer so schön“, sowie: „Cartier-Bresson fällt raus. Der ist toddekliniert.“

Was dann blieb, waren 52 Fotografen in sieben thematischen Gruppen, die für Wien auf rund 35 fotografischen Positionen mit über 200 Werken und fünf Gruppen eingedickt wurden. „Street Life“, „Crashes“, „Public Transfer“, „Anonymity“ und „Alienation“ heißen die mitunter ein wenig beliebig wirkenden Kapitel, in denen es viel zu sehen gibt: flüchtige Passanten-Szenen und eindrucksvolle Porträts, U-Bahn-Fotos aus Tokio und London, Brände, Tatorte und Unfälle (darunter Arnold Odermatts berühmte Verkehrsunfall-Motive), Schatten und Schemen, Szenen und Zeichen.

Große, ikonische Namen sind mit Arbeiten vertreten, von Lisette Model bis Robert Frank, von Diane Arbus bis Martin Parr und von Lee Friedlander bis Wolfgang Tillmans und Candida Höfer. Es ist eine Zeitreise und eine Weltreise zugleich. Dougie Wallace zeigt Taxi-Passagiere aus dem Mumbai der jüngsten Jahre, Erich Lessing Wiener, die Mitte der 1950er-Jahre die Unterzeichnung des Staatsvertrages und die Wiedereröffnung der Staatsoper bejubelten. Dazu gibt es zeitgenössischen Positionen u.a. von Mohamed Bourouissa, Melanzie Einzig und Harri Pälviranta, sowie Österreicher wie Alex Dietrich und Lies Maculan.

Politisches und Privates, Dauerhaftes und Flüchtiges, Ausgestelltes und Anonymes - alles spielt sich auf den Straßen ab. Wo Fotografen warten, die ebenso unterschiedlich agieren, als Dokumentaristen, Arrangeure oder Inszenatoren, mit analoger oder digitaler Fotografie, mit Kleinbild- oder Großbildkamera. Eine Ausstellung, so bunt wie das Straßenleben selbst.

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