Letztes Update am Di, 10.09.2019 14:22

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


steirischer herbst auf Spuren der Genusskultur



Unter dem Motto „Grand Hotel Abyss“ (Grand Hotel Abgrund) wird am 19. September in Graz der steirische herbst 2019 eröffnet. Das Festival wirft einen Blick auf den Hedonismus und die Genusskultur in unruhigen Zeiten. Das mehr als 300 Seiten umfassende Guidebook samt Kalender ist ab sofort erhältlich. Intendantin Ekaterina Degot hat am Dienstag auch das Eröffnungsprogramm vorgestellt.

Der noch zur Zeit der k. u. k. Monarchie geborene ungarische Philosoph Georg Lukacs beschrieb unter der Metapher des Hotel Abyss die europäische Kulturszene als „ein schönes mit allem Komfort ausgestattetes modernes Hotel am Rande des Abgrunds, des Nichts, der Sinnlosigkeit“. Der tägliche Anblick des Abgrundes würde zwischen den behaglich genossenen Mahlzeiten und Kunstproduktionen die Freude am Komfort noch erhöhen. Die Szenerie des Genusses einerseits und der politischen Krise andererseits bildet den Ausgangspunkt für das Kernprogramm des diesjährigen steirischen herbst.

„Hedonismus ist Teil unserer Lebenskultur - in Europa und hier in Graz. Es sieht so aus, dass es unsere Aufgabe ist, das Leben zu genießen“, schilderte Degot ihren Eindruck. „Ich war amüsiert, wie präsent Kunst und Genuss, Kunstgenuss, Genusskultur, Genusskunst in Graz sind. Das ist aber nicht das, was als Aufgabe der Kunst zu sehen ist. Die Avantgarde der 1910er- und 1920er-Jahre wollte etwa eher etwas ungenießbares auf den Tisch bringen und dadurch anregen, über das Leben und die Politik nachzudenken“, bezog sich Degot auf den Entschluss, den Hedonismus in Zeiten der Krise im Rahmen des steirischen Festivals näher zu beleuchten.

Um dieses Thema werden für fast einen Monat bis zum 13. Oktober zahlreiche Installationen, Performances, Ausstellungen und Diskussionen kreisen. Rund 30 Orte in Graz und der Steiermark werden auf diesem Parcours durch Zeit und Raum bespielt. Mehr als 40 Künstler, Kunstschaffende und Künstlerkollektive steuern ihre Arbeiten bei. Eine gute Einführung in die Thematik und das Programm erhalten Interessierte mit dem seit Dienstag aufliegenden Guidebook inklusive zusätzlichem Kalenderbüchlein. Mit einem Festival-Pass um 29 bzw. 23 Euro können das Kernprogramm, die Veranstaltungen des „musikprotokoll“ und ein Großteil des Parallelprogramms besucht werden. Der Großteil der Arbeiten entstand im Auftrag des Festivals.

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Degot gab zugleich einen Ausblick auf die frei zugängliche Eröffnung am 19. September im Landhaushof (17.00 Uhr) und das Programm an den ersten Festivaltagen: Auf die Rede der Intendantin im Grazer Landhaushof folgt Zorka Wollnys Performance „Voicers - Oratorio for Five Speakers and a Listening Crowd“. Um 19.00 Uhr geht es im Congress Graz mit einer „Eröffnungs-Extravaganza“ mit Performances, Installationen „und hoffentlich vielen Überraschungen“ weiter, machte Degot neugierig. Im Stefaniensaal des Congress folgt um 21.00 Uhr eine Lecture-Performance von Gernot Wieland, der in seinem Vortrag Österreichs anhaltende Begeisterung für kulinarische Genüsse und Lebenslust untersuchen wird. Dazu hat das isländische Duo Erna Omarsdottir und Valdimar Johannsson eine Performance entwickelt. Beschlossen wird der Festivalauftakt mit einem Konzert von Fatima Spar & The Freedom Fries.

Der Freitag (20.9.) startet mit einer Performance von Riccardo Giacconi am Schloßbergplatz (10.00 Uhr), die auf die Arbeit von Zeitungsverkäufer anspielt, die früher tagesaktuelle Nachrichten schreiend proklamierten. Am Abend zeigt der georgische Regisseur Guram Matskhonashvili seine Inszenierung von „The Global Congress of Post-Prostitution“, einer Satire der Autorin und Philosophin Kati Chukrov.

Um das Ausbrechen aus dem Teufelskreis der Armut geht es am 21. September (ab. 9.00 Uhr) bei der jüngsten Produktion des Theater im Bahnhof unter dem Titel „The Game with the Vicious Circle“, bei dem sich die Zuschauer auch selbst auf ein Rollenspiel einlassen können. Im Großen Minoritensaal setzt Michiel Vandevelde am Abend (19.00 Uhr) seine Auseinandersetzung mit Nazim Hikmets „Menschenlandschaften - Human Landscapes“, in dem der türkische Dichter den Luxus der Reichen thematisiert, fort.

In zahlreichen Installationsprojekten verweisen Künstler an verschiedenen Standorten der Stadt auf historische Kontexte und verschüttete Konflikte: Im Palais Attems, dem ehemaligen Hauptquartier der britischen Besatzungstruppen und jetzigem Sitz des Festivalbüros, werden Arbeiten von u.a. Oscar Murillo, Giorgi Gago Gagoshidze zu sehen sein, die die Verfallsästhetik der Gegenreformation thematisieren.

Im Grazer Künstlerhaus, dessen Entstehung und Baustil ebenfalls von der britischen Besatzung beeinflusst sein sollen, werden Filme von Jasmina Cibic und Jeremy Deller sowie Arbeiten des 2006 verstorbenen britischen Künstlers Ian Hamilton Finlay zu sehen sein. „Sehr komplex“ ist die neue Filminstallation von Daniel Mann und Eitan Efrat im Forum Stadtpark, in der es laut Degot um den österreichischen Kurort Bad Gastein und die Geschichte von Wellness in der Nazizeit geht. Für Festivalbesucher wurden unterschiedliche Tourenformate von einer bis zu acht Stunden Dauer erarbeitet.




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