Letztes Update am Fr, 13.09.2019 09:55

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Die Bakchen“ am Wiener Burgtheater



Eine Gruppe halb nackter junger Menschen skandiert: „Wir holen uns dieses Land zurück!“ Sie klingen entschlossen: „Wir haben kein Recht zu scheitern“, feuern sich die rhythmisch Marschierenden an: „Diese Stadt gehört uns!“ - So klingt es, wenn griechisches Theater in den Dienst einer aktuellen politischen Warnung gestellt wird. „Die Bakchen“ eröffneten am Donnerstag die neue Burgtheater-Direktion.

Seinen Auftakt hat der neue Chef Martin Kusej nicht selbst inszeniert. Stattdessen stellt er das Spektakulärste vor, das es derzeit auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen gibt: Ulrich Rasche verbindet rhythmisches Sprechen und ständige Bewegung in technisch extrem aufwendigen mechanischen Konstruktionen, deren Realisierung nur wenigen, mit entsprechenden Budgets ausgestatteten Theatern vorbehalten ist.

Rasche begeisterte schon an dem von Kusej zuvor geleiteten Haus, dem Münchner Residenztheater, ebenso wie vergangenes Jahr bei den Salzburger Festspielen. In Wien war sein wuchtiges Überwältigungstheater bisher noch nie zu sehen. Programmatisch eine kluge Entscheidung, überzeugte der dreieinhalbstündige Auftakt dennoch nicht auf ganzer Linie.

Rasche, der sonst gerne Scheiben oder Walzen zum Rotieren bringt, konzentriert und komprimiert diesmal das Geschehen auf drei große, in Höhe und Neigung verstellbare Laufbänder. Mittels Drehbühne und Hydraulik lassen sich so unterschiedlichste Konstellationen schaffen. Frontal zur Rampe gestellt erinnern die beweglichen Plattformen, an deren Mittelspur die Darsteller buchstäblich angekettet sind, mitunter an Autobahnbrücken-Segmente, parallel angeordnet, nach hinten ansteigend und entsprechend beleuchtet, entfalten sie starke Tiefenwirkung. An beeindruckenden Theaterbildern herrscht an diesem Abend kein Mangel.

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Das Theater von Rasche setzt aber nicht nur auf Optik, sondern auch auf Rhythmik. Schlagwerkerin Katelyn King gibt auf der rechten vorderen Bühnenseite den Takt an, links ist ein kleines Streicher-Ensemble postiert, dazu greifen auch ein Tenor und ein Bariton gelegentlich in das musikalische Geschehen ein. Dass es dabei praktisch keine Atempause gibt, zählt zum Konzept. Es geht voran. Unablässig wird vorwärtsgeschritten. Der Abgrund ist mitunter nur einen einzigen Schritt entfernt.

Das funktioniert mit dem überwiegend aus Studierenden des Max Reinhardt Seminars und der Musikuni Wien gebildeten Chor ausgezeichnet. Bei den Protagonisten, bei denen es in diesem Konzept, das auf Einheit und Geschlossenheit setzt, kein Miteinander, kein Gegeneinander, sondern nur ein Nebeneinander gibt, ist das schon deutlich problematischer. Rasche hat in seiner gemeinsam mit dem Dramaturgen Sebastian Huber erstellten Stückfassung alles auf eine politische Konfrontation zugespitzt: Gott Dionysos (Franz Pätzold als aasiger, siegessicherer und mitunter zynischer Jüngling) ist ein Verführer mit Sendung und Sendungsbewusstsein, der von seinen begeisterten Anhängern unbedingte Gefolgschaft statt eigenständiges Denken einfordert. Thebens Herrscher Pentheus (Felix Rech bleibt blass und unauffällig, ohne Willen zur Macht) dagegen argumentiert rational und verweist auf die Errungenschaften des geordneten zivilen Zusammenlebens.

Um alles auf den Dualismus Gefühl und Gewalt gegen Vernunft und Verfassung zuzuspitzen, wimmelt es von Begriffen, die man sich schwer im Theben des Jahres 400 vor Christus vorstellen kann: Von Exklusivität, Mittelmäßigkeit und Unversöhnlichkeit ist da die Rede. Was sich locker auch so vermitteln würde, ist auf diese Weise irritierend. Wuchtig schlägt der Holzhammer im Takt. Martin Schwab als Pentheus‘ Großvater Kadmos und Hans Dieter Knebel als Seher Teiresias wirken in dieser Konstellation wie verlorene Überreste einer untergegangenen Epoche.

Die große Wende, die Selbstaufgabe des Pentheus, der sich - angelockt durch die Orgien der Megären und fasziniert von der unkontrollierten Hingabe - der allgemeinen Besinnungslosigkeit ergibt und daraufhin buchstäblich in der Luft zerrissen wird, gerät ebenso unter die Laufband-Räder wie das große, bittere Erwachen der Agaue, die erkennen muss, dass sie soeben nicht einem Löwen, sondern ihrem eigenen Sohn Pentheus den Kopf abgerissen hat. Katja Bürkles Arm und Mund ist für die große Schlussszene nicht in blutrote, sondern in schwarze Farbe getaucht, und ausgerechnet dort, wo die Tragödie ihren schrecklichen Höhepunkt erfährt, setzt Rasches Inszenierung geradezu auf Understatement. Statt höchste Emotion regiert hier nüchterne Erkenntnis: Der Gott der Gewalt hat seine Verführungskunst bewiesen, doch die Folgen sind schrecklich. Unterdrückung von Vernunft und Wahrheit führt geradewegs in den Untergang.

Großer, wohlwollender Applaus begleitete diesen Direktionsauftakt, wenngleich in den Jubel bei weitem nicht alle einstimmen wollten, ja sogar manche Sitze dieser von zahlreicher Prominenz besuchten Premiere nach der Pause leer blieben. Bereits heute, Freitag, folgt die nächste Neuproduktion: Am kleinen Haus, dem Akademietheater, inszeniert Itay Tiran „Vögel“ von Wajdi Mouawad. In dem Stück über den Nahostkonflikt werden vier Sprachen gesprochen. Mehrsprachigkeit ist neben politischer Aktualität einer der Grundpfeiler von Kusejs Konzept für seine Burgtheater-Direktion.




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