Letztes Update am So, 22.09.2019 15:53

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


steirischer herbst: „Interview“ mit Heimatdichter Kloepfer



Ein fiktives Interview mit der Büste des umstrittenen weststeirischen Arztes und Dialektdichters Hans Kloepfer (1867-1944) war der Höhepunkt eines Denkmäler-Parcours im Rahmen des steirischen herbstes am Sonntag in Graz. Weitere Stationen waren das Befreiungsdenkmal am Burggraben, das Jahn-Denkmal, das Kriegerdenkmal sowie das Freiheitskämpferdenkmal - alle drei in der Nähe des Paulustors.

Der Wiener Künstler Thomas Geiger setzte sich in dem rund halbstündigen Zwiegespräch mit dem vollständigen Titel „Ein Gespräch über die Jahreszeiten mit dem Dichter und Arzt Hans Kloepfer“ mit der Kloepfer-Büste beim „Türkenbrunnen“ auf dem Schlossberg mit Kloepfers widersprüchlicher Persönlichkeit auseinander. Geiger gelang es mit der in Form eines kritischen TV-Interviews im Stil von „Zeit im Bild“-Moderator Armin Wolf gehaltenen Performance, die verschiedenen Facetten Kloepfers mit viel Feingefühl und kritischem Respekt herauszuarbeiten.

Dabei kamen sowohl die Persona des menschenfreundlichen Landarztes und des wegen seiner virtuosen literarischen Veredelung des weststeirischen Dialekts bis heute beliebten Dichters zur Geltung, wie sein durch den Zusammenbruch der Donaumonarchie empfindlich getroffenes Heimatempfinden und die Hinwendung zum Nationalsozialismus in den letzten Lebensjahren.

So mancher im Publikum erfuhr dabei wohl zum ersten Mal, dass der Name des Festivals, steirischer herbst, auf ein Gedicht von Hans Kloepfer zurückgeht. Darin geht es um die zwölf Isonzo-Schlachten, die bis heute als Beispiele für die blutigsten Gemetzel des Ersten Weltkriegs in Erinnerung sind. In dem von Geiger gemutmaßten Statement Kloepfers dazu hieß es, er habe damit das Grollen der Vergangenheit thematisiert, das niemals in Vergessenheit geraten solle.

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Breiten Raum in der Performance nahm dann die kritische Auseinandersetzung mit Kloepfers Verhältnis zum Nationalsozialismus ein. Geiger gelang es dabei sowohl in der Rolle des Interviewers als auch in der posthumen Rolle Kloepfers stets ein hohes Dialogniveau zu bewahren. Daneben schaffte er das Kunststück, eine Prise feinen Humors einzubauen und seinem bronzenen Gegenüber in den Mund zu legen.

Dieses leitete die „Antwort“ auf eine kritische Frage beispielsweise einmal mit „Ich hab schon gedacht, dass Sie mich das fragen werden“ ein und stellte auch Gegenfragen an Geiger, die diesen scheinbar ins „Schwimmen“ brachten. Das zahlreich erschienene Publikum dankte Geiger - und vielleicht in Gedanken auch Hans Kloepfer - mit einem verdienten und kräftigen Schlussapplaus.

Davor führten Historiker Heimo Halbrainer und Sozialhistoriker Joachim Hainzl die Publikumsgruppe zu dem im Rahmen des „herbstes“ pink verhüllten „Befreiungsdenkmal“. Weiter ging es zum 1902 errichteten Pseudo-Obelisken zu Ehren des ausgeprägt deutschnationalistisch gesinnten und später von den Nazis ideologisch ausgewerteten „Turnvater“ Friedrich Jakob Jahn (1778-1852), zum monumentalen sogenannten Kriegerdenkmal in einer Nische der ehemaligen Stadtbefestigung und der unscheinbaren Gedenktafel für die österreichischen Freiheitskämpfer gegen die Nationalsozialismus.

Auch an diesen Orten erfuhr das Publikum viele, nicht allgemein bekannte Fakten, die zum Teil erschreckende Parallelen zum Verhalten heute den Ton angebender Politiker und Amtsträger in der Steiermark und in Graz aufwiesen.

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