Letztes Update am So, 22.09.2019 17:41

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bierlein gedachte in New York der Opfer von 9/11



Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein hat am Samstag am Rande der UNO-Vollversammlung in New York das 9/11-Memorial am Ground Zero besucht. „Die schrecklichen Bilder des 11. September 2001 werden nie vergessen werden“, so Bierlein, die zum Gedenken an die Opfer Blumen niederlegte. Am Abend traf sie auch den aus Wien stammenden Nobelpreisträger Eric Kandel, der vor den Nazis in die USA geflohen war.

Bei den islamistischen Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 waren knapp 3.000 Menschen ums Leben gekommen. Darunter befanden sich auch zwei in Österreich gebürtige Personen. Marian Hrycak (Geburtstag 10. Februar 1945) arbeitete für die Steuer- und Finanzabteilung des US-Staates New York. Der Familienvater wurde von den Angriffen in seinem Büro überrascht. Oleh Wengerchuk war am 4. Oktober 1944 in Wien auf die Welt gekommen und verbrachte seine Kindheit zum Teil in Lagern von Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs, wo er auch seine spätere Frau kennenlernte. Die beiden waren bereits Großeltern, als der Verkehrsplaner ebenfalls an seinem Arbeitsplatz dem Terror zum Opfer fiel.

„Das Memorial ist ewige Mahnung, weltweit entschieden gegen Terror und Krieg anzukämpfen und zu erkennen, dass wir als Menschen über alle Unterschiede hinweg verbunden sind“, hielt die Bundeskanzlerin fest. „Uns eint mehr, als uns trennt. Die Vereinten Nationen sind der Ort, an dem Völkerverständigung in diesem Sinne aktiv gelebt werden muss.“

Danach war die Bundeskanzlerin im österreichischen Kulturforum in New York zu Gast und traf dort auch Auslandsatelier-Stipendiatinnen des Bundeskanzleramts sowie österreichische Künstler. Die Förderung der Künste gehöre zur österreichischen Identität, ließ die Bundeskanzlerin wissen. Es sei ihr ein Anliegen, Kunstschaffende zu treffen, „die mit ihrem Engagement Grenzen überwinden und zum Ruf unseres Kunst- und Kulturstandorts erheblich beitragen“.

Am Abend kam die frühere Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs mit renommierten Persönlichkeiten zusammen, die mit ihren Familien während des Nationalsozialismus wegen ihrer jüdischen Herkunft aus Österreich in die USA emigriert waren und dort Karriere gemacht hatten. Bei einem Abendessen gab es etwa einen Austausch mit Nobelpreisträger Eric Kandel und seiner Frau, der Sozialmedizinerin Denise Kandel. Der bald 90-jährige Neurowissenschafter, Psychiater und Physiologe hatte im Jahr 2000 gemeinsam mit anderen Wissenschaftern den Medizinnobelpreis für Forschungen auf dem Gebiet der Nervenkrankheiten erhalten.

Unter den Gästen in New York befand sich auch die knapp 92-jährige Fotojournalistin Lisl Steiner. Die Familie der gebürtigen Wienerin war in den 1930er-Jahren zuerst nach Argentinien und dann in die USA ausgewandert. „Es ist berührend und zeugt von menschlicher Größe, dass trotz der oftmals schweren Vergangenheit durch Vertreibung eine besondere Beziehung zu Österreich weiterhin besteht“, zollte Bierlein den ehemaligen Flüchtlingen Respekt.

Am Sonntag traf Bierlein mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen in New York mit Vertretern der jüdischen Gemeinde zusammen. Bierlein besuchte das „Leo Baeck Institut“. Van der Bellen tauschte sich mit dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ronald Lauder, aus.

Lauder, der in den 1980er Jahren US-Botschafter in Wien gewesen war, zeigte sich bei dem Gespräch in der auf österreichische und deutsche Kunst spezialisierten „Neuen Galerie“ über die am Donnerstag getroffene Entscheidung des österreichischen Nationalrates erfreut, Nachfahren österreichischer Opfer des Holocaust den Zugang zur österreichischen Staatsbürgerschaft zu vereinfachen.

Van der Bellen und Lauder besprachen nach Angaben der Präsidentschaftskanzlei die möglichen innenpolitischen Entwicklungen in Österreich nach den Nationalratswahlen am 29. September. Zudem habe der WJC-Vorsitzende dem Bundespräsidenten eine Einschätzung der politischen Lage in Israel aber auch den USA gegeben.

Bundeskanzlerin Bierlein traf im „Leo Baeck Institut“ auch einen Überlebenden der Shoa, wie es aus ihrem Umfeld hieß. „Österreich hat eine besondere historische Verantwortung. Die Shoa, der millionenfache Mord an Juden und die Vertreibung Tausender aus ihrer Heimat, gehört zu den größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, an der auch Österreich schwere Schuld trägt“, erklärte die Bundeskanzlerin.

Bierlein bezeichnete demnach die Nationalratsentscheidung vom Donnerstag zum Holocaust „als wichtiges Zeichen unseres nationalen Verantwortungsbewusstseins“. Zu diesem gehöre auch, „dass insbesondere junge Menschen aus der Vergangenheit lernen und entschieden für Völkerverständigung und gegen Fremdenhass eintreten.“ Bierlein richtete in diesem Zusammenhang einen besonderen Dank an die bei dem Treffen anwesenden „österreichischen Gedenkdienerinnen und -diener“. Diese würden „mit ihrem Engagement einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass sich die dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit niemals wiederholen.“

Das „Leo Baeck-Institut“ hat Zentren in Jerusalem, London und New York sowie eine Dependance am Jüdischen Museum in der deutschen Hauptstadt Berlin. Es wurde 1955 mit dem Ziel gegründet, das kulturelle Erbe des deutschsprachigen Judentums zu bewahren.

Am Sonntagnachmittag wird Bierlein gemeinsam mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen im Rahmen der Vollversammlung der Vereinten Nationen im UNO-Hauptquartier die Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, treffen. Anschließend ist ein Meinungsaustausch mit UNO-Generalsekretär Antonio Guterres vorgesehen, an dem neben Bierlein und Van der Bellen auch Umweltministerin Maria Patek und Außenminister Alexander Schallenberg teilnehmen werden.




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