Letztes Update am Mi, 25.09.2019 12:53

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kritische Nippon-Ausstellung im Museumsquartier



Einen im Westen seltenen Blick auf Nippon wirft die Ausstellung „Japan Unlimited“ im Wiener Museumsquartier. Hochpolitische Werke, die kritisch die Entwicklungen der Ideologien und Konzepte der japanischen Gesellschaft beleuchten sind hierbei versammelt. Und über allem schwebt die Frage, wie die klassische Gesellschaft der Konfliktvermeidung mit der Kontroverse umgeht. Japan jenseits von Manga.

Im Kern setzt sich die Schau mit den beiden für die japanische Gesellschaft prägenden Begriffen „Tatemae“, die öffentliche Maske, und „Honne“, die privaten Gefühle auseinander. Anhand der Arbeiten von zahlreichen Künstlern will Kurator Marcello Farabegoli darlegen, wie dieses Wechselspiel aus Privat und Öffentlich, Individuum und Gesellschaft funktioniert. „Darf Kunst diplomatisch sein?“, sei für ihn eine der Richtlinien für die Auswahl der Künstler gewesen, so Farabegoli, der die Ausstellung aus Anlass des heurigen 150-Jahr-Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Japan konzipiert hat, bei der Präsentation am Mittwoch.

Die koloniale Geschichte des lange isolierten Landes in Taiwan, die atomaren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und die jüngste Atomkatastrophe in Fukushima, Homosexualität und Nacktheit, der rechtspopulistische Kurs der amtierenden Regierung unter Shinzo Abe, die Rolle der Frau - vieles kommt in der Schau zur Sprache und verblüfft mit einem frischen Zugang. Entsprechend viele der für „Japan Unlimited“ versammelten Werke hatten entsprechend Probleme mit der japanischen Zensur.

Das Künstlerkollektiv Chim Pom hatte etwa für seine Aktion „Making the sky of Hiroshima ‚PIKA!‘“ ein Flugzeug gechartert, um „Pika“ (japanisch für „Blitzlicht“ oder auch die Atombombenexplosion) mit Kondensstreifen über Hiroshima in den Himmel zu schreiben - was letztlich zur Absage von Ausstellungsprojekten führte. Auch der einzige Österreicher in der Schau, der Japankenner Edgar Honetschläger, zeigte sich bei der Präsentation am Mittwoch überzeugt, mit seinem Zusammenschnitt aus dem Langwerk „L+R“ Probleme zu bekommen: „In Japan würde der Film sofort zensiert.“ Schließlich habe Japan in seinen Augen eine rechtsradikale Regierung - was im Westen oftmals nicht richtig verstanden werde: „Man tendiert in Europa dazu, Japan zu idealisieren.“

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In dieselbe Kerbe schlägt Makoto Aida, der in „The video of a man calling himself Japan‘s Prime Minister making a speech at an international assembly“ einen fiktiven und Abe doch überraschend ähnlich sehenden Premier auf Englisch über die Isolation Japans räsonieren lässt. Momoyo Torimitsu widmet sich im Animationsstreifen „Business as habitual“ hingegen den Managern des Atomkraftwerkbetreibers Tepco nach der Atomkatastrophe und ihrer Gestik bei der Entschuldigung, während BuBu de la Madeleine und Yoshiko Shimada mit einer Fotonachstellung die Begegnung des US-Generals Douglas MacArthur mit Kaiser Hirohito nach der Niederlage karikieren. Und Midori Mitamura hat für ihre Rauminstallation „Art and Breakfast“ gefundene Materialien zu Assoziationen arrangiert. „Ich mache jeden Tag eine kleine Installation“, umreißt die Künstlerin ihre Arbeitsweise.

Ähnlich vielgestaltig wie die Schau selbst ist auch das umfangreiche Begleitprogramm aus Workshops, Performances und öffentlichen Gesprächsrunden. Auch werden sechs Artists-in-Residence aus Japan im Q21 Arbeiten entwickeln.

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