Letztes Update am Mi, 25.09.2019 19:03

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Prähistorische Baby-Fläschchen mit Tiermilch



Bereits in der Bronze- und Eisenzeit vor über 3.000 Jahren wurden Kleinkinder mit Milch von Tieren aus Keramik-Flaschen gefüttert. Das zeigt eine Studie eines Teams mit Beteiligung von Forschern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Fachjournal „Nature“. Sie konnten erstmals in prähistorischen Baby-Fläschchen Milch von Wiederkäuern nachweisen.

Insgesamt ist noch relativ wenig darüber bekannt, wie Menschen vor Jahrtausenden das Abstillen bewältigt haben und auf welche Zusatznahrung sie dabei zu welchem Zeitpunkt zurückgegriffen haben. Dass die bis zu 6.000 Jahre alten Gefäße mit ihren kleinen Öffnungen als Fläschchen für Babys und Kleinkinder verwendet wurden, war bereits vielfach vermutet worden, aber auch ein Einsatz bei Kranken oder älteren Menschen wurde diskutiert. Verstärkt gefunden wurden solche Keramiken dann aus dem Zeitraum zwischen 1.200 und 600 vor der Zeitenwende. Auch im Raum Wien - etwa in der Bundeshauptstadt selbst, in Oberleis oder Vösendorf - wurden solche teils in ihrer Form Tieren nachempfundenen prähistorischen Gefäße gefunden, die auch im Naturhistorischen Museum (NHM) Wien zu sehen sind.

Darüber, was darin gereicht wurde, konnte bisher nur spekuliert werden. Das Team um Katharina Rebay-Salisbury und Roderik Salisbury vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der ÖAW sowie Experten für derartige Analysen von der University of Bristol (Großbritannien) und ein Kollege von der Abteilung für Archäologie der Museen der Stadt Regensburg nahm nun einige solcher Fläschchen genauer unter die Lupe. Sie wurden in Gräbern von Kindern gefunden, die im Alter zwischen einem und sechs Jahren verstarben. Aus diesen Funden, die aus einem spätbronzezeitlichen und einem früheisenzeitlichen Gräberfeld (Zeitraum zwischen rund 1.200 und 450 Jahren vor der Zeitenwende) aus Bayern stammten, ließen sich mit modernen Methoden tatsächlich belastbare Schlüsse ziehen.

Mittels Gaschromatografie und Massenspektrografie gelang es, in drei der Gefäße die chemischen Signaturen von Milchfetten nachzuweisen, die in dem Material erhalten geblieben sind. Anhand der Verteilung der nachgewiesenen Isotope in den Lipiden lässt sich sogar sagen, dass es sich nicht etwa um Muttermilch, sondern um Milch von Wiederkäuern - also von Schafen, Ziegen oder Kühen - gehandelt hat. Gerade Ziegenmilch sei aufgrund ihrer relativen Ähnlichkeit zur Muttermilch zum Abstillen gut geeignet, sagte Rebay-Salisbury im Gespräch mit der APA.

Hier zeige sich, wie Menschen seit Jahrtausenden versuchen, „Arbeit und Kinder zu vereinbaren. Natürlich hat man Kinder immer auch ins tägliche Leben miteinbezogen und einfach mitlaufen lassen - was ja heute nicht immer so gut möglich ist“, so die Forscherin, die im Rahmen eines hochdotierten „Starting Grant“ des Europäischen Forschungsrates ERC das Thema Mutterschaft in der europäischen Urgeschichte untersucht. Die Sauggefäße seien ein starker Beleg dafür, dass seit sehr langer Zeit auch andere Menschen neben der Mutter Aufgaben wie das Füttern übernommen haben und elterliche Pflichten in der Gemeinschaft geteilt worden sind.

Interessant sei überdies, dass diese Gefäße gerade in der späten Bronze- und frühen Eisenzeit vermehrt verwendet wurden: „Einer Zeit, in der Urbanisierung eigentlich beginnt und viele Leute auf engem Raum zusammenlebten. Man könnte sich denken, dass dann genügend Frauen da gewesen wären, die die Kinder stillen konnten“, so Rebay-Salisbury, für die auch denkbar ist, dass einst aus unbekannten Gründen vielleicht Mütter und Kinder über gewisse Zeiten hinweg getrennt wurden.

Im Rahmen des ERC-Grants legt Rebay-Salisbury einen der Schwerpunkte auf die Analyse der Ernährung von Kindern und zur Stilldauer in prähistorischen Zeiten. „Durch die Untersuchungen an Kinderskeletten sehen wir, wie gut Kinder behandelt wurden und wie wichtig Mutterschaft war“, sagte die Prähistorikerin. Hier zeige sich „eine große Bandbreite, von sehr berührenden Situation, die man in Gräbern sieht“, bis zu offensichtlichen Tötungen von Nachkommen (Infantizid). Aktuell gehe man davon aus, dass in der Urgeschichte rund 35 Prozent der Kinder vor dem ersten Geburtstag starben und die Hälfte das Erwachsenenalter nicht erreichte.




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