Letztes Update am Do, 26.09.2019 20:31

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Frankreich trauert um früheren Staatschef Jacques Chirac



Frankreich trauert um seinen früheren Staatspräsidenten Jacques Chirac. Der konservative Politiker starb am Donnerstag im Alter von 86 Jahren, wie französische Medien berichteten. „Jacques Chirac gehört nunmehr zur französischen Geschichte“, erklärte der Präsident der Nationalversammlung, Richard Ferrand.

Die Abgeordneten des Parlaments-Unterhauses und Minister erhoben sich für eine Schweigeminute. Am Montag soll es zum Gedenken an Chirac einen nationalen Trauertag mit feierlichem Gottesdienst in der Pariser Kirche Saint-Sulpice geben, kündigte der Élyséepalast an.

Chirac prägte die französische Politik über vier Jahrzehnte mit. Er zog von 1995 bis 2007 als machtbewusster Staatschef die Fäden im Élyséepalast. Politiker aus dem In- und Ausland würdigten die Verdienste des früheren Staatsoberhauptes, der auch lange Pariser Bürgermeister gewesen war.

Ab Donnerstagabend bis Sonntag wollte der Präsidentenpalast seine Türen öffnen, damit die Franzosen dort ihr Beileid bekunden können. Der Pariser Eiffelturm wollte am Donnerstagabend auf seine traditionelle Abendbeleuchtung verzichten und früher schließen.

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Chirac sei „einer der letzten Giganten des französischen politischen Lebens“ gewesen, sagte der konservative Ex-Minister Xavier Bertrand dem Sender BFMTV. Medien setzten kurzfristig Sondersendungen an. Staatschef Emmanuel Macron wollte sich am Abend im Fernsehen äußern, teilte der Élyséepalast mit.

„Er war ein erfahrener Politiker, ein geschichtsbewusster Europäer, ein charmanter Mensch“, sagte Altbundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, Chirac sei den Deutschen und ihr persönlich ein „herausragender Partner und Freund“ gewesen, wie Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilte.

Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnete seinerseits Chirac als weisen und weitsichtigen Staatsmann. UN-Generalsekretär António Guterres erklärte in New York, Frankreich verliere einen großen Staatsmann, der sich der Demokratie und der internationalen Zusammenarbeit verschrieben habe.

Chirac litt seit längerer Zeit unter schweren Gedächtnisproblemen und trat kaum noch in der Öffentlichkeit auf. Noch während seiner Amtszeit erlitt er 2005 einen Schlaganfall.

International blieb er mit seinem Protest gegen den amerikanischen Irakkrieg in Erinnerung. An der Seite von Schröder stemmte er sich 2003 gegen die Angriffspläne des damaligen US-Präsidenten George W. Bush.

Als erster französischer Staatschef erkannte Chirac die Mitschuld seines Landes an der Verfolgung der Juden während der deutschen Besatzungszeit an. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte in Berlin, Chirac habe auch den Mut gehabt, sich der Geschichte des eigenen Landes kritisch zu stellen

Front-National-Chef Jean-Marie Le Pen bescherte Chirac 2002 eine Wiederwahl mit 82 Prozent der Stimmen - weil der Rechtsextreme zum Schock vieler Franzosen in die Stichwahl um das Präsidentenamt einzog, stimmten auch Linke zähneknirschend für Chirac. Zu den Tiefpunkten seiner Karriere gehörte das Nein der Franzosen im Referendum über die geplante EU-Verfassung 2005.

Nach dem Abschied von der Macht wurde Chirac verurteilt - zu zwei Jahren Haft auf Bewährung wegen Untreue und Unterschlagung öffentlicher Gelder. Vom Rathaus bezahlte Mitarbeiter hatten in Wahrheit für Chiracs Partei gearbeitet.

„Die Franzosen, gleich welcher Auffassung, verlieren heute einen Staatsmann, aber auch einen Freund“, sagte einer von Chiracs Amtsnachfolgern, François Hollande. Der Sozialist regierte von 2012 bis 2017 weitgehend glücklos. Der konservative Nicolas Sarkozy, der vom 2007 bis 2012 amtiert hatte, meinte, Chirac sei einer der Ersten gewesen, der vor den Risiken der Klimaerwärmung gewarnt habe.

Die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen würdigte Chirac als einen großen Europäer, der eine ganze Generation inspiriert habe. Es gelte nun sein Vermächtnis fortzuführen und eine noch stärkere und geeintere Europäische Union aufzubauen.




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