Letztes Update am Fr, 27.09.2019 11:44

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gelungener Auftakt des Waves-Festivals im Wiener WUK



Das Wiener WUK verwandelt sich dieser Tage wieder in eine große Spielwiese für Musiker aus aller Welt: Am Donnerstag startete das mittlerweile neunte Waves-Vienna-Festival, bei dem sich die Acts auf zehn Bühnen Mikrofon, Gitarre und Turntables in die Hand drücken. Die Stile? So bunt wie es keine Spotify-Playlist schafft, reichte das Angebot doch von Surfpop über Punk bis Minimal Music.

Für Letzteres war Martin Kohlstedt zuständig: Der deutsche Pianist schraubt seit gut sieben Jahren an seinem Klangkosmos, für den er mittels einzelner Module immer neue Stücke und Improvisationen zusammenstellt. Tief lehnte er sich in der großen Halle des WUK über seinen Flügel, ließ im beinahe völlig abgedunkelten Raum seine Finger tanzen, um mit einem Griff zur Seite seinen elektronischen Gerätschaften ein tiefes Brummen zu entlocken. Der Club und der Konzertsaal, beides kommt bei Kohlstedt zusammen, wobei es zuerst die melancholischen Melodien sind, die die Tür weit aufmachen.

So spannungsgeladen sein Auftritt (mit wenigen, dafür äußerst sympathischen Zwischenansagen) gelang, so sehr führte er auch die Nachteile eines Showcase-Festivals vor Augen und Ohren. Nicht nur die begrenzte Zeit kann da zum Spielverderber werden, auch die energiegeladene Hip-Hop-Jazz-Band, die im Nebenraum für den folgenden Auftritt ihre Instrumente einstellt. Kohlstedt schien es glücklicherweise weniger auszumachen als so manchem Zuhörer, der verärgert den Kopf drehte. Aber wer sich später vielleicht beschweren wollte, für den hatten Sketches On Duality eine gute Antwort parat: Tolle Songs, eine mitreißende Show und viel gute Laune.

Das in Wien ansässige Quintett verquickt die Unberechenbarkeit des Jazz mit der Wortgewandtheit des Rap. Und was schon auf Tonträger - das Debüt „Spectrum“ erschien diesen Sommer - gut funktioniert, bekommt live noch ein paar Facetten mehr verpasst. Rapper Jahson the Scientist wusste die Anwesenden schnell auf seine Seite zu ziehen, erzählte von der „Love Constant“, vom zweifelnden Thomas, Atomen und Magie. Keine ganz einfache Musik, nicht zuletzt aufgrund der fordernden Darbietung der Instrumentalisten - aber lohnend durch und durch.

Rap war auch zu späterer Stunde ein Garant für gute Stimmung, wenngleich mit Anlaufschwierigkeiten: Viele waren gekommen, um Kathrin Kolleritsch alias Kerosin95 zu erleben. Leider machte die Technik der Rapperin und ihrer Band zunächst einen Strich durch die Rechnung. Schlussendlich konnte Kerosin95 aber dennoch unter Beweis stellen, dass sie „Außen hart, innen flauschig“ ist - und natürlich noch viel mehr. Mit einem feinen Gespür für die richtigen Worte, viel Witz und einem Zugang, der Hip-Hop als bestärkendes, vereinendes Vehikel versteht, wurde gemeinsam Party gemacht. Man darf in jedem Fall gespannt sein, was diese Musikerin noch so aus dem Ärmel schütteln wird.

Dass die Gitarren auch nicht zu kurz kamen, dafür sorgten etwa Good Wilson mit ihrem von Surfpop beeinflussten Stücken auf der Open-Air-Stage, während die Petrol Girls einen härteren Ausdruck wählten. Das sich als „friendly feminist Punkband“ ankündigende Quartett setzte ein Ausrufezeichen, gefiel mit Nummern wie „Big Mouth“ und brachte inhaltlichen Anspruch mit einer ziemlich kurzweiligen Darbietung gut in Einklang. Wem nach einem Gegenpol war, der konnte sich den fein gesponnenen Singer-Songwriter-Pop von Bartleby Delicate zu Gemüte führen. Der Luxemburger freute sich im Beisl über die ruhigen und sitzenden Leute. „Das gefällt mir“, lachte er und spielte als Belohnung den „Sleeping Song“.

Dabei ist schlafen sicher das Letzte, woran die Waves-Besucher am heutigen Freitag und Samstag denken. Immerhin gibt es noch etliche Schmankerl zu erleben bei diesem Festival, auf dem die kurzen Wege gewissermaßen Segen wie Fluch sind: Stets gerät man in Versuchung, zum nächsten Künstler zu pilgern. Vielleicht noch ein Song, oder doch zwei? Egal, wer sich auf die Waves-Erfahrung einlässt, wird zumindest gut unterhalten.




Kommentieren