Letztes Update am Sa, 28.09.2019 08:28

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Präsidentenwahl in Afghanistan angelaufen



In Afghanistan hat Samstag früh die Präsidentenwahl begonnen. Bilder in sozialen Medien zeigten Menschen aus mehreren Provinzen, die ihre Stimme abgaben oder vor Wahllokalen warteten. Mehr als 72.000 Soldaten, Polizisten und Geheimdienstmitarbeiter sicherten die Wahl. Wegen der prekären Sicherheitslage konnte allerdings rund ein Drittel der Wahlzentren nicht öffnen.

Die islamistisch-militanten Taliban hatten angekündigt, die Wahl anzugreifen. 18 Kandidaten stehen auf dem Stimmzettel, vier von ihnen haben ihre Kandidatur mittlerweile zurückgezogen. Realistische Chancen auf einen Sieg haben der amtierende Präsident Ashraf Ghani und sein Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah. Beide gaben ihre Stimme Samstag früh (Ortszeit) in Wahllokalen in der Hauptstadt Kabul ab. Ghani bedankte sich in einer kurzen Ansprache nach seiner Stimmabgabe bei den Menschen, die zur Wahl gingen.

Ghani und Abdullah waren nach der umstrittenen Präsidentenwahl 2014, bei der sie bereits gegeneinander angetreten waren, unter Vermittlung der USA eine Regierung der nationalen Einheit eingegangen.

Analysten zufolge gibt es mindestens 13,5 Millionen Wahlberechtigte in Afghanistan. Mehr als 9,6 Millionen Afghanen sind zur Wahl registriert. In der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl im Jahr 2014 stimmten rund acht Millionen Menschen ab. Aufgrund der schlechten Sicherheitslage und Enttäuschung über die Regierung gehen manche afghanischen Experten davon aus, dass bei dieser Wahl lediglich 1,5 Millionen Menschen ihre Stimme abgeben werden. Aktivisten, die der Ghani-Kampagne nahe stehen, würden eine Wahlbeteiligung von vier bis 4,5 Millionen für einen Erfolg halten, schrieb die Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network in einer Analyse vor der Wahl.

Bereits seit Dienstag hatten sich Sicherheitskräfte rund um die Wahlzentren in Stellung gebracht. In den meisten großen Städten wurde der Verkehr aus Sicherheitsgründen eingestellt oder massiv eingeschränkt, zusätzliche Kontrollpunkte wurden errichtet. Lastwagen und Kleinlaster durften bereits seit Donnerstagnachmittag nicht mehr in die Hauptstadt.

Die Wahllokale sind bis 15.00 Uhr lokaler Zeit (12.30 Uhr MESZ) geöffnet. Erste vorläufige Resultate sollen am 19. Oktober veröffentlicht werden, die offiziellen am 7. November. Kann im ersten Wahlgang kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, geht es in eine Stichwahl der beiden bestplatzierten Kandidaten. Diese würde voraussichtlich Ende November stattfinden.

Es ist die vierte Präsidentenwahl in dem Land mit geschätzten 35 Millionen Einwohnern seit dem Fall der Taliban im Jahr 2001 und die zweite, die gänzlich von den Afghanen selbst durchgeführt und gesichert wird. Der Wahlkampf war von Gewalt überschattet. Die Taliban hatten unter anderem einen Autobomben-Angriff auf das Büro eines Vizepräsidenten-Kandidaten verübt sowie einen Selbstmordanschlag auf eine Wahlveranstaltung mit Ghani. Bei den beiden Vorfällen allein wurden mehr als 50 Menschen getötet.

Bei einem Anschlag auf ein Wahllokal im Süden Afghanistans wurden am Samstag mindestens 15 Menschen verletzt. Vor dem Wahllokal in der Stadt Kandahar sei eine Bombe explodiert, sagte der Chef des Krankenhauses, in das die Verletzten gebracht wurden. Bei allen Verletzten handelt es sich demnach um Männer.

Kandidaten drohten zudem mit Protesten und Gewalt nach dem Wahlgang, sollte es Wahlfälschungen geben. Urnengänge in den vergangenen zehn Jahren waren stets von Vorwürfen der Wahlmanipulation überschattet.

Die Wahl findet rund einen Monat nach dem Abbruch der Gespräche zwischen den USA und den Taliban über Wege zu Frieden in Afghanistan statt. US-Präsident Donald Trump hatte ein geplantes Geheimtreffen mit den Taliban abgesagt, nachdem Anfang September bei einem Anschlag in Kabul zwölf Menschen getötet worden waren, unter ihnen auch ein US-Soldat. Die Gespräche mit den Taliban, die den Weg für einen US-Truppenabzug und für Frieden in Afghanistan bereiten sollten, erklärte Trump für „tot“.




Kommentieren