Letztes Update am Sa, 28.09.2019 10:12

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Präsidentenwahl in Afghanistan angelaufen: Bereits zwei Tote



In Afghanistan hat Samstagfrüh die Präsidentenwahl begonnen. Bilder in sozialen Medien zeigten Menschen aus mehreren Provinzen, die ihre Stimme abgaben oder vor Wahllokalen warteten. Es gab bereits mehrere Tote und Verletzte. Mehr als 72.000 Soldaten, Polizisten und Geheimdienstmitarbeiter sicherten die Wahl. Wegen der prekären Sicherheitslage konnte rund ein Drittel der Wahlzentren nicht öffnen.

Mindestens zwei Menschen wurden bereits getötet. Mindestens 17 weitere seien verletzt worden, teilten lokale Behördenvertreter mit. Bei der Explosion einer Mine in einem Wahllokal in der östlichen Provinz Nangarhar im Bezirk Surkhrod seien mindestens eine Person getötet und drei verletzt worden, sagte der Provinzrat Sohrab Qaderi am Samstag. Ein Wahlbeobachter wurde bei dem Einschlag einer Rakete in der Nähe eines Wahllokals in der nördlichen Provinzhauptstadt Kunduz getötet. Das berichtete der Provinzrat Maulawi Abdullah.

Zudem wurden mindestens 13 Zivilisten und ein Polizist in der südlichen Stadt Kandarhar verletzt, als eine in einem Lautsprecher einer Moschee versteckte Bombe detonierte. Die Moschee sei als Wahllokal genutzt worden, sagte ein Polizeibeamter. In Kandahar wurden Behördenangaben zufolge seit Freitagabend mindestens 31 Sprengsätze von den Sicherheitsbehörden entschärft oder kontrolliert gesprengt.

Auch aus der Hauptstadt Kabul gab es Berichte über kleinere Explosionen und Verwundete. Behördenvertreter sagten, sie wollten diese erst später kommentieren, man sammle noch Informationen. Die islamistisch-militanten Taliban hatten zuvor angekündigt, die Wahl anzugreifen.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

18 Kandidaten stehen auf dem Stimmzettel, vier von ihnen haben ihre Kandidatur mittlerweile zurückgezogen. Realistische Chancen auf einen Sieg haben der amtierende Präsident Ashraf Ghani und sein Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah. Beide gaben ihre Stimme Samstagfrüh in Wahllokalen in der Hauptstadt Kabul ab. Ghani bedankte sich in einer kurzen Ansprache nach seiner Stimmabgabe bei den Menschen, die zur Wahl gingen.

Ghani und Abdullah waren nach der umstrittenen Präsidentenwahl 2014, bei der sie bereits gegeneinander angetreten waren, unter Vermittlung der USA eine Regierung der nationalen Einheit eingegangen.

Organisationsmängel behinderten nach Berichten von örtlichen Medien und Wahlbeobachtern die Präsidentenwahl. Die größten Schwierigkeiten gebe es mit Wählerlisten, sagte der Chef der unabhängigen Wahlbeobachtungsorganisation Freies und Faires Wahlforum (FEFA), Yusuf Rashid, am Samstag. Wähler, die sich zur Wahl registriert hätten, könnten ihre Namen nicht in den Listen ihres Wahlbüros finden. Andere Namen würden nicht in den biometrischen Geräten erscheinen.

Analysten zufolge gibt es mindestens 13,5 Millionen Wahlberechtigte in Afghanistan. Mehr als 9,6 Millionen Afghanen sind zur Wahl registriert.

In der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl im Jahr 2014 stimmten rund acht Millionen Menschen ab. Aufgrund der schlechten Sicherheitslage und Enttäuschung über die Regierung gehen manche afghanischen Experten davon aus, dass bei dieser Wahl lediglich 1,5 Millionen Menschen ihre Stimme abgeben werden. Aktivisten, die der Ghani-Kampagne nahe stehen, würden eine Wahlbeteiligung von vier bis 4,5 Millionen für einen Erfolg halten, schrieb die Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network in einer Analyse vor der Wahl.

Bereits seit Dienstag hatten sich Sicherheitskräfte rund um die Wahlzentren in Stellung gebracht. In den meisten großen Städten wurde der Verkehr aus Sicherheitsgründen eingestellt oder massiv eingeschränkt, zusätzliche Kontrollpunkte wurden errichtet. Lastwagen und Kleinlaster durften bereits seit Donnerstagnachmittag nicht mehr in die Hauptstadt.

Die Wahllokale sind bis 15.00 Uhr lokaler Zeit (12.30 Uhr MESZ) geöffnet. Erste vorläufige Resultate sollen am 19. Oktober veröffentlicht werden, die offiziellen am 7. November. Kann im ersten Wahlgang kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, geht es in eine Stichwahl der beiden bestplatzierten Kandidaten. Diese würde voraussichtlich Ende November stattfinden.

Es ist die vierte Präsidentenwahl in dem Land mit geschätzten 35 Millionen Einwohnern seit dem Fall der Taliban im Jahr 2001 und die zweite, die gänzlich von den Afghanen selbst durchgeführt und gesichert wird. Der Wahlkampf war von Gewalt überschattet. Die Taliban hatten unter anderem einen Autobomben-Angriff auf das Büro eines Vizepräsidenten-Kandidaten verübt sowie einen Selbstmordanschlag auf eine Wahlveranstaltung mit Ghani. Bei den beiden Vorfällen allein wurden mehr als 50 Menschen getötet.

Kandidaten drohten mit Protesten und Gewalt nach dem Wahlgang, sollte es Wahlfälschungen geben. Urnengänge in den vergangenen zehn Jahren waren stets von Vorwürfen der Wahlmanipulation überschattet.

Die Wahl findet rund einen Monat nach dem Abbruch der Gespräche zwischen den USA und den Taliban über Wege zu Frieden in Afghanistan statt. US-Präsident Donald Trump hatte ein geplantes Geheimtreffen mit den Taliban abgesagt, nachdem Anfang September bei einem Anschlag in Kabul zwölf Menschen getötet worden waren, unter ihnen auch ein US-Soldat. Die Gespräche mit den Taliban, die den Weg für einen US-Truppenabzug und für Frieden in Afghanistan bereiten sollten, erklärte Trump für „tot“.




Kommentieren