Letztes Update am Sa, 28.09.2019 11:28

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bildgewaltiger „Hamlet“ am Landestheater Niederösterreich



Ein Thron, ein Strick, ein toter Hamlet am Boden, und über alldem schwebt die Krone - das ist nicht das Ende, sondern der Beginn von Rikki Henrys „Hamlet“-Inszenierung, die am Freitag im Landestheater Niederösterreich Premiere feierte. Mit großen Bildern wie diesem, viel Krach und Humor ist die Inszenierung durch und durch modern. Weitere Aufführungen stehen bis Jänner 2020 auf dem Spielplan.

Während der klassische Hamlet nur zwei Monate nach dem Tod seines Vaters die Hochzeit seiner Mutter Gertrud (Marthe Lola Deutschmann) mit dessen Bruder Claudius (Michael Scherff) mitansieht, muss der Hamlet auf der Sankt Pöltner Bühne (stark gespielt von Tim Breyvogel) die beiden sogar beim Schmusen beobachten. Dynamik schaffen zu Anfang gedämpfte Diskorhythmen aus dem Hintergrund, die später von poppigen bis düsteren Melodien abgelöst werden. Still wird es in Henrys Theater während den fast zweieinhalb Stunden Spielzeit kaum sein.

Als der trauernde Titelheld, im Nebel wild mit einer Fackel fuchtelnd, vom Geist seines Vaters besucht wird, beginnen seine Rachefantasien. Denn die Erscheinung teilt ihm mit, dass der verhasste Stiefvater auch der Mörder des Vaters ist. Hamlet beschließt, verrückt zu spielen. Damit beginnt er seine Entwicklung zu einem Menschen, der sich, beim Versuch Gleichgewicht wiederherzustellen, selbst schwer verschuldet. Er spricht wirr, bemalt sich das Gesicht und setzt sich eine Krone mit der Aufschrift „König“ auf den Kopf. Die Krone als Symbol von Macht ist wohl das Lieblingsmotiv des Regisseurs. Sie befindet sich außerdem auf Claudios Kopf und auf der raffinierten, sich drehenden Bühne, in der Protagonisten schnell auftauchen und verschwinden können. Was das genau bedeutet - Will Hamlet etwa selbst König sein? Oder fühlt er sich nur bemächtigt, über das Schicksal anderer zu entscheiden? - wird aber nicht unbedingt klar.

Den dem Stück inhärenten Humor räumt Henry viel Raum ein und verstärkt ihn noch um ein Vielfaches. Berater Polonius (Tilman Rose) wird zur Comic Relief-Figur und erntet etwa Lacher aus dem Publikum, als er sich, während er dem Königspaar stotternd einen Brief Hamlets vorliest, selbst beleidigen muss. Hamlets Jugendfreunde Rosenkranz (Sami Loris) und Güldenstern (Philip Leonhard Kelz) zeigen in ihren weit offenen Samtanzügen stolz Brusthaar. Das ist lustig, jedoch kann der Kontrast zur eigentlichen Tragik des Stücks und den ernsten Monologen sehr groß wirken.

Die Stärke der Inszenierung liegt am Ende in ihren Bildern, an denen der Regisseur, wie er auch im APA-Interview vor der Premiere berichtete, besonders interessiert ist. Stark in Erinnerung bleibt etwa der fulminante Fechtkampf zwischen Hamlet und Widersacher Laertes (Philip Leonhard Kelz); und das, obwohl auf der Bühne gar keine Waffen zum Einsatz kommen. Bei all dem Fokus auf das Visuelle ist es bemerkenswert, worauf verzichtet wird: „Hamlet“ kommt nämlich bis zum Ende ohne den charakteristischen Totenkopf aus.

Und so sieht man dem sehr unterhaltsamen Stück zu keiner Zeit seine 400-jährige Geschichte an. Den Hamlet mit einer Frau zu besetzen, heute bereits alltäglich, unterlässt der Regisseur, dafür wird sein Freund Horatio hier überzeugend von Bettina Kerl dargestellt. Und dann gibt es mit einem „Zack, zack, zack“ sogar Anspielungen auf die aktuelle österreichische Innenpolitik.




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