Letztes Update am So, 29.09.2019 09:41

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Don Carlo“ in Graz: Packendes Seelendrama als Kammerspiel



Eine große Oper in engen Räumen, die keinen Platz zum Atmen und zum Entfalten der Träume lassen - das zeigte Regisseurin Jetske Mijnssen mit Giuseppe Verdis „Don Carlo“ am Samstag in Graz. Chefdirigentin Oksana Lyniv ließ es gefühlvoll in allen Lautstärken tönen und ausgezeichnete Sänger bis in die kleinste Rolle sorgten für einen gelungenen Saisonauftakt.

Schon bei den ersten nachtdunklen Tönen und den paar Takten Vorspiel wird klar, dass hier eigentlich schon alles verloren ist. Folgerichtig entwickelt sich das Spiel um Macht, Liebe und Religion geradezu schmerzhaft intensiv, die Einsamkeit der Menschen wird mit jedem Akt deutlicher, ihre Begrenztheit zeigt sich sowieso von Anfang an den Wänden, die enge Räume bilden und zuweilen sich sogar noch zusammen schieben. Kleine Zimmer aus dunklem Holz, alles sehr niedrig und lähmend. Nur wenige Male verschwindet die hintere Wand und gibt den Blick auf ein Gemälde des Escorials oder einer Landschaft frei (Bühne: Gideon Davey).

Die Idee der Regisseurin funktioniert ganz gut, sie zeigt in erster Linie knappe, minimalistische Szenen zwischen zwei oder drei Personen. Beim Autodafe wurden die Deputierten aus Flandern mit den Ketzern, die verbrannt werden sollen, zu einer einzigen Gruppe von Gefolterten zusammengefasst, was nicht ganz logisch ist, aber auch nicht weiter stört. Die effektvollen Kostüme (Diueweke van Reij) sind nur angelehnt an historische Kleidung, ergeben aber mit ihren Blau-Grau-Weiß-Schattierungen schöne Bilder.

Das Beste an dem Abend war aber die musikalische Seite, und so soll es bei Oper ja eigentlich auch sein. Oksana Lyniv zeichnete die dunkle Struktur des Werkes - gespielt wird die vieraktige italienische Fassung - präzise nach und lässt in mehr als einen Abgrund blicken. Selten hat man das Duett Carlos-Posa so packend gehört, nicht als reinen Schöngesang, sondern tatsächlich als beinharten Schwur. Dieses Thema wird dann beim angeblichen Verrat des Marquis so zart angespielt, dass man den ganzen Schmerz über die verlorene Freundschaft darin zu spüren glaubt.

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Großartig auch die drohenden Töne, die die bestens disponierten Philharmoniker anschlagen, wenn Posa dem König vor Augen hält, dass er das Land in ein Grab verwandelt. So hohl polternd hörte sich das an, dass die Worte doppelt schwer wogen. Philipps große Arie ist immer Höhepunkt, wenn hier seine Geliebte ihn zärtlich tröstet, weil er sich von seiner Frau nie geliebt gefühlt hat, bekommt das eine neue Dimension von Traurigkeit.

Timo Riihonen war stimmlich wie darstellerisch ein imposanter König, mit prächtigem Bass gab er der Figur Gewicht. Ein Posa, wie man ihn sich nur wünschen kann, war Neven Crnic, dessen geschmeidiger Bariton in allen Nuancen leuchtete. Dagegen kam Mykhailo Malafii erst im Laufe des Abends richtig in Schwung, anfangs klang sein an sich schöner Tenor etwas eng. Ein ängstliche Frau mit zarten, klaren Tönen stellte Aurelia Florian (Elisabeth) auf die Bühne, während Oksana Volkova mit Temperament und dunkel-glühender Stimme eine gefährliche Eboli war.

Tetjana Miyus steuerte als „Stimme von oben“ engelsgleiche Töne bei, während Dmitrii Lebamba einen düsteren Großinquisitor gab. Zuletzt gab es mehr Leichen auf der Bühne als sonst in dieser Oper, entzogen sich doch Carlo und Elisabeth durch Selbstmord ihrem traurigen Schicksal. Ein lohnender Abend, der musikalische Spitzenleistungen mit solider Regie vereinte.




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