Letztes Update am Mo, 30.09.2019 12:50

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Attacken mit Gartenhacke in NÖ: 20-Jähriger vor Gericht



Am Landesgericht St. Pölten hat am Montagvormittag der Prozess gegen einen 20-Jährigen begonnen, der im Mai in Maria Anzbach (Bezirk St. Pölten-Land) wahllos ausgesuchte Opfer mit einer Gartenhacke attackiert haben soll. Einem Gutachten zufolge war der Mann nicht zurechnungsfähig, die Staatsanwaltschaft beantragte daher die Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

Wie die Vertreterin der Anklagebehörde in ihrem Eröffnungsvortrag festhielt, soll der Betroffene bereits „in der Gymnasialzeit begonnen haben, mit Drogen zu experimentieren“. Dies habe dazu geführt, „dass es ihm in seiner psychischen Verfassung immer wieder schlecht gegangen ist und er mit seinem Leben nicht zurechtgekommen ist. Ein solcher Tag war auch der 1. Mai“. Schon in der Früh sei der österreichische Staatsbürger sehr unruhig gewesen und habe geglaubt, verfolgt zu werden. Der 20-Jährige selbst räumte ein, gedacht zu haben, dass in das Haus seiner Familie Gas eingeleitet werde. Nach einer verbalen Auseinandersetzung mit den Eltern setzte sich der Mann ins Auto und startete seine Tour. „Ich wollte nur flüchten von zu Hause. Wohin wusste ich nicht“, sagte der Mann bei seiner Befragung.

Er soll im Anschluss zunächst einen Radfahrer mit dem Pkw gerammt haben und geflüchtet sein. Der 47-Jährige wurde mit Blessuren ins Spital gebracht. Nachdem der Zivildiener den Wagen auf einem Waldweg zurückgelassen hatte, soll er ein auf der Terrasse eines Vorgartens sitzendes Ehepaar, eine 71-jährige Frau und ihren um ein Jahr älteren Mann, mit einer Gartenhacke angegriffen und verletzt haben. Vor dem 72-Jährigen habe er Todesangst gehabt. Das Werkzeug hatte er sich auf dem Weg angeeignet: „Die habe ich irgendwo im Wald gefunden“, sagte der 20-Jährige, der in Bezug auf die Angriffe auf das Ehepaar und die folgenden Vorfälle von „Erinnerungslücken“ sprach. Laut Staatsanwaltschaft konnten sich zwei Frauen auf dem Nachbargrundstück der beiden Pensionisten noch rechtzeitig in Sicherheit bringen.

In der Folge soll der jugendlich aussehende Mann eine weitere 71-Jährige mit der Gartenhacke attackiert und ihr Blessuren zugefügt haben. Den wahllos ausgesuchten Opfern wurde gegen bzw. auf den Kopf geschlagen. Im Zuge einer Großfahndung wurde der 20-Jährige am Nachmittag des Staatsfeiertags festgenommen. „Noch mit der Gartenhacke in der Hand, herumirrend“, sagte die Staatsanwältin.

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Wäre der Mann zurechnungsfähig und damit schuldfähig, müsste er sich wegen versuchten Mordes verantworten. Kausal für die Taten war laut Gutachten eine drogeninduzierte Psychose. Im Blut des 20-Jährigen wurden THC und Kokain gefunden, das er nach eigenen Angaben am Vorabend des Staatsfeiertags konsumiert hatte.

Verteidiger Ernst Schillhammer verwies darauf, dass sein Mandant im Zustand einer schizophrenen Paranoia gehandelt und an die Vorkommnisse vom 1. Mai lediglich getrübte Erinnerungen habe. „Als ich ihm den Akt vorgelesen habe, hat er selbst einen Schock bekommen“, schilderte der Jurist. Dass die Opfer durch die Gartenhacke leichte Verletzungen erlitten, sei so zu interpretieren, dass der Betroffene mit dem Gegenstand „ein bisschen mehr als herumgefuchtelt, aber nicht gezielt hingeschlagen hat“. Ein Mordversuch liege daher nicht vor. Ähnlich verantwortete sich der 20-Jährige, der zudem bekannte: „Mir tut der ganze Vorfall leid.“

Die Opfer berichteten vor Gericht, dass der Angeklagte völlig wortlos agiert habe. Der 72-Jährige, der als Erster attackiert wurde, berichtete, dass ihm der junge Mann in seinem Haus entgegenkam - die Türe zum Gebäude sei nicht abgesperrt gewesen. Mit der Gartenhacke habe ihn der 20-Jährige „am Kopf getroffen, seitlich“, dabei sei „ganz kräftig zugeschlagen“ worden. Der Angreifer habe dabei „so komisch gezuckt“. Die gesamte Aktion sei „schnell gegangen - ich war auch überrascht und habe gar nicht gerechnet, was der will von mir“. Die ebenfalls attackierte Partnerin des Pensionisten erzählte, dass sie im ersten Moment an einen „Geldüberfall“ gedacht habe. Nach dem Angriff mit der Gartenhacke habe sie sehr stark am Kopf geblutet.

Einem weiteren Opfer begegnete der Zivildiener, als dieses im Wald mit dem Hund spazieren ging. „Auf einmal ist er auf mich zugelaufen“, erzählte die Frau bei der Befragung. „Dann habe ich schon gesehen, dieses Gesicht, diese toten Augen.“ Der 20-Jährige soll daraufhin viermal mit der Gartenhacke auf ihren Kopf eingeschlagen haben. „Dann ist er ins Gebüsch weiter und weggelaufen.“

Gutachter Werner Brosch zufolge lag beim Betroffenen zum Tatzeitpunkt „am wahrscheinlichsten“ eine drogeninduzierte Psychose vor, wegen der es „zu ganz wirren Vorstellungen“ bei dem jungen Mann kam. Der Betroffene sei zum Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähig gewesen, fasste der Sachverständige zusammen. Er sah allerdings auch die Voraussetzungen der bedingten Nachsicht der Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher bereits „zum gegenwärtigen Zeitpunkt“ erfüllt. Sichergestellt werden müsste in einer Einrichtung, die psychotherapeutischen Behandlung garantiert, jedoch eine regelmäßige Medikamenteneinnahme. Würde der Betroffene in eine geschlossene Anstalt „gegeben, würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen“, sagte Brosch.

Die Geschworenen zogen sich gegen 12.30 Uhr zurück, sie beraten über 24 Fragen. Ein Urteil wurde für die Nachmittagsstunden erwartet.




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