Letztes Update am Di, 01.10.2019 18:36

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hollywoodlegende Eric Pleskow mit 95 Jahren verstorben



„Kino war mein Leben“, hat Eric Pleskow einst in einem Interview gesagt. Und sein Werdegang liest sich wie Kino. In den 30er-Jahren als Jugendlicher vor den Nazis aus Wien geflüchtet, landete er in den USA zufällig beim Film und stieg zu einem der mächtigsten Filmtycoons Hollywoods auf. Am Dienstag verstarb der Wien stets verbunden gebliebene Viennale-Präsident mit 95 Jahren in den USA.

Im Laufe seiner Karriere zeichnete Pleskow als Oscar-prämierter Produzent bei zahlreichen Kinomeisterwerken wie „Das Schweigen der Lämmer“, „Einer flog über das Kuckucksnest“, „Der Stadtneurotiker“ oder „Amadeus“ mitverantwortlich. Sein Zuhause waren denn auch bis zuletzt die USA.

Ab Ende der 90er-Jahre war Pleskow aber auch regelmäßig zu Gast in Wien, als Präsident der Viennale und als Jurymitglied des Wiener Filmfonds. In ersterer Funktion war er für seine humorvollen, politischen Reden bekannt, die der verschmitzte „Frühstückspräsident“, wie er sich selbst bezeichnete, bei der Eröffnung hielt. Seit ihn Rückenprobleme von der Teilnahme am Festivalauftakt 2011 abhielten, musste er „seinen“ Festspielen wiederholt fernbleiben, unterhielt aber stets mit amüsanten Grußbriefen zum Auftakt das Publikum.

Einer der zentralen beruflichen Wegbegleiter Pleskows abseits der Viennale war zweifelsohne Woody Allen, für den er 20 Filme produzierte, darunter „Der Stadtneurotiker“ (1977) und „Hannah und ihre Schwestern“ (1986). Ob er nun ein Drehbuch von Allen oder einem Unbekannten in die Hände bekam - er las sie alle, um dem Schreiberling damit Respekt zu zollen, wie Pleskow einst sagte.

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Der Respekt war auch wichtiger Bestandteil von Pleskows Rezept für einen guten Film. „Nehmen Sie eine berührende Geschichte, ein gutes Drehbuch und einen leidenschaftlichen Regisseur. Dann braucht man auch noch einen bekannten Hauptdarsteller und eine große Portion Glück.“ Pleskow wusste es stets, all diese Zutaten meisterhaft zu kombinieren. Neben Woody Allen arbeitete er mit Regiegrößen wie Billy Wilder, Francis Ford Coppola, Federico Fellini und Martin Scorsese, entdeckte Oliver Stone, Milos Forman und Sylvester Stallone.

Pleskow, am 24. April 1924 als Erich Pleskoff geboren, entstammt einer Wiener Kaufmannsfamilie, die 1938 auf gefährlichen Fluchtwegen über Paris in die USA gelangte. Dort gelang ihm mit viel Fleiß und Einsatz eine große Karriere. Er absolvierte ein Ingenieurstudium und kam über verschiedene Tätigkeiten mit dem Dokumentarfilm in Berührung. „Zuerst hab‘ ich Kaffee geholt, dann als Editor begonnen, also mit Filmschnitt“, erinnerte er sich einmal in einem Interview.

Als Mitglied der US-Militärregierung kehrte Pleskow, der die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, nach Europa zurück und baute in München die bayerische Nachkriegsfilmindustrie mit auf. Er wiedereröffnete die Bavaria-Studios, vergab Lizenzen an neue Filmfirmen wie Constantin, war für die Entnazifizierung von deutschen Filmschaffenden zuständig. 1946 bis 1948 war er als Filmberater für das War Department tätig, danach war er zwei Jahre lang stellvertretender Geschäftsführer der Motion Picture Export Association (MPEA) in Deutschland und Repräsentant für die Sol Lesser Productions.

1951 wechselte Pleskow zur US-Filmfirma United Artists, wo er in verschiedenen Funktionen arbeitete: 1962 wurde er Vizepräsident des Internationalen Vertriebs der Firma, 1973 Executive Vice President und neun Monate später - als zweiter Europäer nach Charles Chaplin - Präsident. Unter seiner Ägide entstanden zehn Filme, die den Oscar als bester Film des Jahres erhielten, darunter 1960 Billy Wilders „Das Appartement“, 1975 Milos Formans „Einer flog über das Kuckucksnest“ und 1977 Woody Allens „Der Stadtneurotiker“.

1978 gründete er mit mehreren Partnern die Firma Orion Pictures, wo er als Präsident und Chief Executive Officer fungierte. Während seiner Präsidentschaft wurden u.a. die Oscar-gekrönten Filme „Amadeus“ (1984, Milos Forman), „Platoon“ (1986, Oliver Stone), „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990, Kevin Costner) und „Das Schweigen der Lämmer“ (1991, Jonathan Demme) produziert. 1992 schied Pleskow bei Orion aus und gründete mit Barry Spikings eine eigene unabhängige Filmgesellschaft. Gemeinsam mit Leon de Winter und der gemeinsamen Firma Pleswin Entertainment produzierte er etwa 2001 Sönke Wortmanns „Der Himmel von Hollywood“.

Zuletzt lebte Pleskow in Westport, Connecticut, eine Zugstunde von New York entfernt. Anerkennung von jener Stadt, aus der er einst fliehen müsste, erhielt er in Form des Goldenen Verdienstkreuzes 1971 und der Ehrenbürgerschaft Wiens 2007 - für ihn die“wahrscheinlich die wichtigste Auszeichnung, die ich je erhalten habe“. 2009 folgte das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Aber auch andernorts wurde Pleskows Wirken gewürdigt: 1972 verlieh ihm die italienische Regierung die Commenda del Ordine della Repubblica Italiana, 1989 wurde er in Frankreich als Offcier de l‘ordre des Arts et des Lettres geehrt, 1998 erhielt er in München den CineMerit Award. Und auch Auszeichnungen in Form eines filmischen Denkmals wurde ihm zuteil: 2006 stellte Schauspielerin Andrea Eckert bei der Viennale ihre Doku „I‘m About Winning - Der Filmtycoon Eric Pleskow“ vor. Und 2012 schloss sich Lukas Sturm mit der Dokumentation „Die Porzellangassenbuben“ über Pleskow und Ari Rath an.

Die Viennale gab am Dienstag in tiefer Trauer die Nachricht vom Ableben Eric Pleskows bekannt. „Sein Tod ist für uns alle ein großer Verlust. Eric hatte ein erfülltes und langes Leben und wir schätzten ihn als langjährigen Freund und Begleiter unseres Festivals. Als Präsident und Schutzpatron der Viennale hat er uns mit seinem Humor und seiner Weitsicht stets getragen. Er wird uns sehr fehlen.“

„Mit Eric Pleskow verlieren Wien und ganz Österreich einen treuen Freund und Botschafter des heimischen Kunstschaffens. Denn obwohl er und seine Eltern 1938 aus Österreich vertrieben wurden, verband ihn mit seiner Heimatstadt Wien doch eine große Zuneigung“, lautete eine erste Reaktion von Bundespräsident Alexander Van der Bellen. „Als langjähriger Präsident der Viennale hat er sich stark für die Internationalisierung dieses größten österreichischen Filmfestivals eingesetzt und war über all diese Jahre ein starker Mentor aller Filmschaffenden. Mit Humor und Herzensbildung verstand es Eric Pleskow, Menschen zusammenzubringen und zu fördern. Österreich wird Eric Pleskow als warmherzigen Menschen und treuen Freund in Erinnerung behalten.“

„Ein ‚Mensch‘ hat sich von dieser Welt verabschiedet“, zeigten sich Wiens Bürgermeister Michael Ludwig und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (beide SPÖ) betroffen. „Seine Haltung, sein humoriger Blick und seine präzisen Beobachtungen zur Weltpolitik wie auch zur österreichischen Innenpolitik waren legendär und machten ihn zu einem Vorbild“, so die beiden Politiker.

Auch Kulturminister Alexander Schallenberg würdigte den Verstorbenen in einer Aussendung am Dienstag als „beeindruckende Persönlichkeit“, deren Tod ein schmerzhafter Verlust für den österreichischen Film und die heimische Filmbranche sei: „Sein Engagement wird der heimischen Kulturlandschaft sehr fehlen.“

Und schließlich zollte Gerlinde Seitner, Geschäftsführerin des Filmfonds Wien, dem Verstorbenen ihren großen Respekt: „Mit ihm verliert die Filmwelt eine glänzende Figur, die nicht nur international Filmgeschichte schrieb, sondern auch dem österreichischen Film zutiefst verbunden war.“ So war Pleskow lange auch Jurymitglied beim Filmfonds.




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