Letztes Update am Mi, 02.10.2019 13:52

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Dom Museum widmet sich der Familie



Man kann sie sich nicht aussuchen und wird doch enorm von ihr geprägt: Das Wiener Dom Museum widmet der Familie seine neue Themenausstellung. Die Schau „Family Matters“, die ab Freitag zu sehen ist, zeigt anhand von Gemälden, Plastiken und Fotografien unterschiedliche Familienkonzepte quer durch die Jahrhunderte und macht deutlich, wie eng Geborgenheit und Gewalt beieinander liegen.

Empfangen wird man in der Ausstellung, die aus dem eigenen Bestand und zahlreichen Leihgaben schöpft, von einer großflächigen Videoinstallation des belgischen Künstlers Hans Op de Beeck. Eine lebensgroße Familie bewegt sich vor weißem Hintergrund wie auf einem unsichtbaren Laufband dem Betrachter entgegen. Trotz unaufhaltsamer Bewegung kommt man nicht vom Fleck.

In der „Ouvertüre“, wie Direktorin und Kuratorin Johanna Schwanberg diesen kleinen einleitenden Raum bei einer Vorab-Führung am Mittwoch nannte, wird zugleich ein wesentliches Gestaltungselement der Zusammenstellung erkennbar: die Gegenüberstellung. Rechter Hand der „Determination“-Projektion hängt Carl Spitzwegs „Der Sonntagsspaziergang“ aus 1841, fast schon Karikatur eines bürgerlichen Rituals im Biedermeier.

Voll ausgespielt wird das Prinzip der thematischen Spiegelung im nächsten Raum. Historische Gemälde u.a. von Ferdinand Georg Waldmüller oder Angelika Kauffmann, aber auch unbekannter Maler, hängen großflächigen Fotografien von Katharina Mayer, die unterschiedlichen Lebensgemeinschaften in ihren eigenen vier Wänden abgelichtet hat, gegenüber. Hier wie dort wird die Bandbreite des Begriffs Familie sichtbar - von der Adoptiv- über die Flucht- bis zur „klassischen“ Vater-Mutter-Kind-Familie. Dass der starre Familienbegriff eine eher neue Erfindung ist, darauf wies die Hausherrin vor einer Josef-Darstellung hin. Denn er sei lediglich der „soziale“ und nicht der biologische Vater von Jesus gewesen.

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Apropos wiederkehrende Motive: Eine der gelungensten Gegenüberstellungen der Schau schlägt die Brücke über fast 700 Jahre. Einander zugewandt hat Schwanberg die „Thernberger Madonna“ (1320), die das Jesuskind im Arm hält, und die Plastik „Woman and Child“ (2010) von Sam Jinks: Eine ältere Frau drückt sich fürsorglich ein Baby an die Brust.

Dass Familie nicht nur Geborgenheit, Liebe und Refugium, sondern auch Konflikt, Gewalt und Albtraum bedeuten kann, spart die Ausstellung nicht aus. Hier geht es mitunter zur Sache. Die von Weronika Gesicka digital verfremdeten Familienporträts aus dem Amerika der 1950er- und 1960er-Jahre lassen einen noch schmunzeln. Nicht mehr wirklich amüsant ist das Foto der einhändig brotschneidenden, küchenbeschürzten Frau, die sich ein Baby mit dem Hintern voran unter den Arm geklemmt hat. Vernähte Gesichter-Fotoschnipsel, mit Nadel ausgestochene Köpfe auf alten Familienfotos, Zeichnungen brüllender Elternteile oder Maria Lassings „Obsorge“, in dem Mann und Frau an einem Kleinkindkörper zerren, lassen für Zärtlichkeit keinen Raum mehr.

„Wir haben uns gedacht, nach der Ausstellung ‚Zeig mir deine Wunde‘ ist das ein netteres Thema“, sagte Schwanberg. Man sei aber schnell eines Besseren belehrt worden.

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