Letztes Update am Fr, 04.10.2019 15:41

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


55-Jähriger wegen Mordes an Vater in Graz angeklagt



Ein 55-jähriger Mann muss sich am Freitag im Grazer Straflandesgericht wegen Mordes verantworten. Er soll im Juli 2018 im weststeirischen Voitsberg seinen pflegebedürftigen Vater getötet haben. Der Angeklagte, der nur eingeschränkt zurechnungsfähig ist, bekannte sich bisher nicht schuldig. Laut Gutachter ist ein natürlicher Tod des Pensionisten aber auszuschließen.

Der Angeklagte ist in Deutschland geboren und wuchs in einem Heim auf, das Verhältnis zu seiner Familie in der Steiermark war schon immer problematisch. Eine Berufsausbildung machte er nicht, aber er fühlte sich stets als Künstler und Kunstsachverständiger. Bereits 2018 stand er im Grazer Straflandesgericht vor dem Richter, weil er den Sachwalter seines Vaters bedroht und verleumdet hatte.

2016 kam er in die Weststeiermark und übernahm die Pflege seines Vaters, obwohl dieser keinen Kontakt zu ihm wollte. Der Angeklagte soll versucht haben, das Vermögen des Pensionisten in seinen Besitz zu bringen. Er schirmte den 82-Jährigen weitgehend von der Außenwelt ab, weder Nachbarn noch der Seelsorger durften laut Anklage ins Haus. Als der Vater aus dem Fenster um Hilfe rief und schrie, dass sein Sohn ihn schlagen würde, soll dieser dafür gesorgt haben, dass der betagte Mann das Fenster nicht mehr unbeobachtet öffnen konnte.

Am 10. Juli 2018 soll der Angeklagte seinen Vater schließlich erstickt haben. Zunächst wurde ein natürlicher Tod angenommen, doch schon bald erhärtete sich der Verdacht, dass Fremdverschulden vorliegt. Der Gutachter stellte dann auch einwandfrei fest, dass der Tod durch Gewalteinwirkung gegen den Hals eingetreten war.

Die Anklägerin hatte dem 55-Jährigen unterstellt, den Vater aus finanziellen Motiv ermordet zu haben. Er soll es ihrer Meinung nach auf das Haus des Opfers abgesehen haben. Das leugnete der Beschuldigte heftig und sprach von „mehreren hunderttausend Euro“, die er demnächst bekommen hätte. „Ich habe alles, was ich besitze, für meinen Vater aufgebraucht“, beteuerte er.

Bereits im Vorfeld hatte der Angeklagte alle angezeigt, von der Staatsanwältin über den Richter und die Ermittler bis hin zum Einsatzkommando Cobra. Er fühlte sich permanent von allen verfolgt und unverstanden, seine Erklärungen waren äußerst detailreich, weswegen seine Befragung fast drei Stunden dauerte.

Ausführlich schilderte er seine Jugend in einem Heim und seinen Werdegang über eine abgebrochene Lehre bis zum selbst ernannten Kunstsachverständigen. Im Dezember 2016 kam er nach Voitsberg und übernahm die Pflege seines Vaters. „Meine Stiefschwester wollte ihn verschleppen und das Haus verkaufen“, war er überzeugt.

„Stimmt es, das Sie Ihren Vater wie ein Tier gehalten haben?“, fragte Richter Gerhard Leitgeb. „Die Frage ist absolut ehrenrührig“, empörte sich der Angeklagte. Dass er überall im Haus Schlösser angebracht hatte, fand er ganz normal, das sei „zur Objektsicherung“ gewesen. Die Alarmeinrichtungen, die das Öffnen der Fenster signalisierten, erklärte er mit der Suizidgefährdung des Vaters. Nachbarn hatten allerdings ausgesagt, dass der 82-Jährige einmal aus dem Fenster um Hilfe gerufen habe.

Sobald es um den Tag der Tat ging, wich der 55-Jährige immer wieder aus. Schließlich erzählte er unter Tränen, sein Vater sei „eingeschlafen“. Für die Verletzungen im Kehlkopfbereich, die zum Tod durch Ersticken geführt hatten, hatte er seine eigene Erklärung: „Mein Vater ist mehrmals gestürzt.“

Das Gutachten von Gerichtsmediziner Peter Grabuschnigg fand nicht das Wohlwollen des Beschuldigten. Er warf der Staatsanwältin vor, Beweise nicht an den Sachverständigen weitergeleitet zu haben. Dem Leiter der Behörde unterstellte er, Fakten überhaupt gefälscht zu haben. Die Expertise sei daher völlig unzutreffend: „Ich bin selbst Gutachter, ich bin eine Koryphäe“, war er überzeugt.

Eine Nachbarin des getöteten 82-Jährigen gab vor Gericht an, der Pensionist sei einen Monat vor seinem Tod „total abgemagert und voller blauer Flecken“ gewesen. Der Mann habe ihr gesagt, dass der Sohn ihn schlage. Das hatte der Angeklagte bisher bestritten, er hatte erklärt, sein Vater sei häufig gestürzt.

Die Zeugin beschrieb den Zustand des Opfers kurz vor seinem Tod als sehr schlecht, während der Beschuldigte erzählt hatte, es sei seinem Vater gut gegangen. Wenn der Angeklagte und seine Stiefschwester zusammen im Haus waren, gab es „Chaos pur“, meinte die Zeugin. Nach ihren Angaben war der Pensionist, der „immer gut ausgeschaut hat“ nach Monaten der Betreuung durch seinen Sohn „so abgemagert und so schwach, dass er nicht einmal mehr ein Häferl halten konnte“. Auch das Haus sei „verwahrlost und ungepflegt“ gewesen.

Eine andere Nachbarin, die sich offensichtlich immer noch bestens mit dem Angeklagten versteht, gab an, der 82-Jährige und seine Frau hätten „immer Angst vor der Stieftochter“ gehabt. Dass der Beschuldigte mit der Pflege des Vaters überfordert gewesen sei, konnte sie bestätigen.

Der Prozess wird mit weiteren Zeugen und Sachverständigen voraussichtlich im November fortgesetzt.




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