Letztes Update am Sa, 05.10.2019 10:23

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Musical „I am from Austria“ in Japan gefeiert



Wohl jeder Österreicher ist schon einmal auf der „Taiyo ya turi sosogu Michi“ gewandelt. Und nun führt diese „Strada del Sole“ nach Japan, konkret nach Takarazuka. In der dortigen Revue feierte am Freitag (Ortszeit) das VBW-Musical „I am from Austria“ seine erste Auslandspremiere. Und Rainhard Fendrich funktioniert auch auf Japanisch - wenn auch als etwas ganz Eigenständiges.

Das liegt nicht nur daran, dass die Takarazuka-Revue ausschließlich mit einem weiblichen Cast arbeitet, also auch sämtliche Männerpartien von Frauen gesungen werden. Insgesamt ist dieser Abend großes Kino respektive große Revue, bei der an Glitter, Farben und der großen Geste nicht gespart wird. „Bescheidenheit, Anständigkeit, Anmut“ lautet der Wahlspruch der nahe Osaka angesiedelten 400-köpfigen Frauentruppe. Von Subtilität ist da nicht die Rede.

So sind die „Männer“ hier noch richtige Machos, die Frauen noch richtige Weibchen und bei einer Tanznummer muss es krachen. So quillt die riesige Bühne im über 2.500 Besucher fassenden Takarazuka-Auditorium beim Cancan zu „Macho, Macho“ beinahe über, und bei „Es lebe der Sport“ wird das ansonsten zurückhaltende japanische Publikum zum rhythmischem Mitklatschen aufgestachelt.

Und doch ist „I am from Austria“ zweifelsohne wiederzuerkennen. Der Refrain des Fendrich-Klassikers „Nix is fix“ und des Titelsongs „I am from Austria“ wird nicht ins Japanische übersetzt. Auch ein „Danke“ oder ein „Guter Abend“ wird bisweilen eingestreut. Und wie in Wien in Person von Dolores Schmidinger, ist auch die Wuchteldruckerin Elfie Schratt in Japan - hier gespielt von Ru Kozuki - eine souveräne Lachlieferantin.

Das Grundsetting ist also ähnlich - nur gepimpt. Und wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo noch etwas Bunteres daher. So folgt in Takarazuka-Tradition nach dem eigentlichen Ende des Stück noch eine viertelstündige Revue echten Zuschnitts, bei der die Federn in Metern gemessen werden. Da nimmt am Ende eine rot-weiß-rot-glitzernde Showtreppe die enorme Bühne ein und die versammelte Truppe schreitet diesen austropatriotischen Laufsteg mit rot-weiß-roten Schleifen und Sachertorten herunter, auf denen im Neonlicht „I am from Austria“ blinkt. Streckenweise ist diese Show so camp, dass es selbst einem Liberace zu viel gewesen wäre.

Oder anders ausgedrückt: „Die Basis ist dieselbe - wir haben nur ein bisschen Salz und Pfeffer hinzugefügt“, wie es Takarazuka-Präsident Tomotusgu Ogawa formuliert. Bedenken, dass diese am Ende mit Standing Ovations bedachte österreichische Produktion in Japan Erfolg haben werde, seien ihm jedenfalls nie gekommen: „Diese Mischung aus Alpen, Liebesgeschichte und Heimat, das passt zu unserer Kompanie.“

Auch „I am from-Austria“-Co-Autor Titus Hoffmann hegte da nie Zweifel: „Sonst dürfte man ‚Chicago‘ auch nur in Chicago spielen.“ Wichtig sei die Anpassung an die lokalen Gegebenheiten, was hier ja zweifelsohne geschehe. „Es ist fast wie eine Manga-Version von ‚I am from Austria“, so der Schreibpartner von VBW-Musicalchef Christian Struppeck: „Es ist alles bunter, alles extremer.“

„Wir haben selbst bei der Kostümprobe ganz schön gestaunt - hier wurde nicht gespart“, zeigte sich auch Struppeck selbst verblüfft ob der Opulenz, die man bei Takarazuka aufbietet. Die beiden Musicalautoren waren bei der Entstehung der Japan-Premiere dafür verantwortlich, die Integrität des Werks ungeachtet aller Variationen im Kern zu erhalten. „Es gibt etwa in den Texten ironische, kritische Stellen. Und da mussten wir lange diskutieren, weil sie sich das hier nicht vorstellen konnten. Insofern ist es ein beschönigenderes Bild als bei uns“, erinnerte sich Struppeck an die Arbeit: „Und das ist total okay. Auf diese Art und Weise funktioniert das Stück hier auch.“

Viele kleine Stellschrauben habe man an die Vorstellungswelt der Japaner von Österreich angepasst. „Insofern ist es jetzt nicht ganz so authentisch, sondern eher eine Fantasiewelt, ein Revuetheater.“ So sei das eben mit den Kindern, unterstrich Struppeck nach der Premiere: „‘I am from Austria‘ ist unser Baby. Und jetzt hat es Laufen gelernt und eine neue Heimat gefunden.“

Wie das bei neuen Heimatländern so ist, sind kleine, liebenswerte kulturelle Fallstricke ebenso vorprogrammiert wie nebensächlich, wenn etwa der dem Albertina-Würstelstand nachempfundene Kiosk neben Limonaden auch „Koks“ anbietet (offenbar eine Fehlübersetzung von Coke) oder bei einem der Werbeposter das Hauptpaar sich vor dem Münchner Schloss Nymphenburg statt in Wien vergnügt. Sei‘s drum.

Und so geht die Erfolgsgeschichte von „I am from Austria“ nun in Nippon weiter. Seit der Uraufführung im September 2017 im Raimund Theater lief das Musical in Wien mit 467 Vorstellungen und mehr als einer halben Million Besuchern bis zum 16. Juni des heurigen Jahres. Nun werden 100 weitere Aufführungen in Japan hinzukommen, für die bereits 250.000 Tickets verkauft sind. Bei Takarazuka wird es dabei nicht bleiben, wandert die Inszenierung doch Mitte November nach Tokio in die dortige Dependance der Truppe. Und es steht zu vermuten, dass „I am from Austria“ mit einer gewissen Regelmäßigkeit aus japanischen Kehlen erklingen wird, nimmt Takarazuka doch seine erfolgreichen Produktionen immer wieder auf.

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