Letztes Update am Sa, 05.10.2019 11:47

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Die Richtung stimmt“: „Wir Staatskünstler“ im Rabenhof



Es war absehbar: „Die Richtung stimmt“ ist die erste Pointe im neuen Programm der „Staatskünstler“, das bei der Premiere im Wiener Rabenhof gestern gefeiert wurde. Den Rest des Abends haben Robert Palfrader, Florian Scheuba und Thomas Maurer allerdings ein wenig Beißhemmung in Richtung der SPÖ-Vorsitzenden. Dennoch ist „Jetzt erst recht!“ ein erstaunlich aktueller Kommentar zur politischen Lage.

Die Mischung aus langfristig vorbereitetem Material und in den wenigen Tagen seit der Wahl erarbeiteten Sprüchen ist ausgezeichnet gelungen. Zunächst wird erst einmal champagnerisiert. Angestoßen wird anlässlich des Welttierschutztages auf die armen Tiere, die nun alle zittern müssen, ob die FPÖ-Tierschutzbeauftragte Philippa Strache ihre Anliegen auch im Parlament vertreten wird. Die Grünen kriegen andere Probleme: Sie halten Amphibienschutz traditionell hoch, müssen sich jedoch allmählich damit anfreunden, doch „die Krot fressen“ zu müssen.

Sebastian Kurz („die politische Entsprechung zu Granderwasser“) wird als Mutant entlarvt, seine Frisur entpuppt sich als Helm mit eingebauten Ohren, der auch Scheuba wie angegossen passt. Die zunächst befremdende Idee, die Probleme der heimischen Sozialdemokratie anhand einer Absatzkrise des „RegenSchutzBundes“ zu behandeln, entpuppt sich als stärkste Nummer des Abends: Obwohl es ununterbrochen schüttet und es keinen anderen Regenschirmanbieter gibt, gehen die Verkäufe seit Jahren drastisch zurück. Liegt es an der schlechten Werbung? Am mangelhaften Produkt? Man habe schon alles probiert, doch das Slimfit-Modell war ein Flop und der Damen-Knirps, der nun im Angebot ist, wird auch nicht angenommen, beklagt man bei der Problemanalyse in der Chefetage.

Die Rollenverteilung im Trio klappt perfekt. Scheuba ist der Intellektuelle, immer ein wenig auf Oberlehrer getrimmt, Palfrader der Erdige mit Mutterwitz und Zornesader, Maurer der naive Junior, der allerdings auch eine zauberhafte Neos-Vorsitzende oder einen grantigen Arbeiter aus dem Ärmel zaubern kann. Bei einer Vorschau auf etwaige Koalitionsverhandlungen zwischen Türkis und Rot, beim Zünden des „Patriotismus-Turbo“ und dem Besuch von „Autochthonia“, des feuchten Zukunftstraums der älpischen Abschotter, laufen sie ebenso zur Hochform auf wie bei einer Chorprobe, in der versucht wird, künftige Misstöne im Konzert von Türkis und Blau zu vermeiden. Gegen die dauernden „Das wird man wohl noch sagen dürfen“-Rülpser ist allerdings auch die wachsamste Message Control hilflos.

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Ein liebevoll gestalteter Schwarz-Weiß-Film, der Arthur Seyß-Inquart und Adolf Hitler in einer Villa am Starnberger See im Gespräch mit einer vermeintlichen deutschen Rüstungsindustriellennichte zeigt („Ein Fundstück aus Hugo Portischs Biotonne“), ist ausgezeichnete politische Satire. Nachdem sich der Führer angesichts der in Aussicht gestellten Rüstungsgelder in Weltherrschaftfantasien ergangen hat, versichert er: „Das muss natürlich alles rechtskonform und legal vor sich gehen.“

Nicht ganz so brisant sind die Besuche der Staatskünstler in einer FPÖ-Rückzugsvilla in Osttirol und in der KTM-Motohall in Mattighofen, wo sich der Bürgermeister auch der Etablierung eines Staatskünstlermuseums nicht abgeneigt zeigt. Gerhard Haderer steuert Illustrationen bei, der ÖVP wird gezeigt, wie so eine ordentliche Jungwähler-Internet-Kampagne geht und das FPÖ-Wahlwerbevideo bei der Partnerberaterin (Maria Hofstätter in einer Gastrolle) wird glänzend persifliert.

Die Staatskünstlervilla hat allerdings ausgedient. Wer wissen will, wie das damals war, als die Staatskünstler hoch subventioniert ihren edlen Aufgaben des Anpinkelns und Undankbar-Seins nachgekommen sind, kann das aber jetzt in einem Buch nachlesen, das ebenfalls präsentiert wurde. Der gestrige Abend zeigt einmal mehr, wie wichtig es wäre, dass der ORF den Staatskünstlern wieder eine angemessene Bleibe bietet. Denn die Richtung stimmt. Jetzt erst recht!

. Thomas Maurer, Robert Palfrader, Florian Scheuba: „Wir Staatskünstler - Das Buch zum Staat“, Ueberreuter Verlag, 160 Seiten, 24,95 Euro)




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