Letztes Update am Fr, 11.10.2019 09:49

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Theater in der Josefstadt: Nestroys „Jux“ als bunter Mix



Fix ist nix - auch nicht beim „Jux“. Johann Nestroys „Einen Jux will er sich machen“ ist zwar quasi nationales Kulturerbe, entfaltet aber seine Bühnenwirksamkeit nicht von alleine. Um den Witz und die Schärfe dieser „Posse mit Gesang“ zur Entfaltung zu bringen braucht es kundige Theatermenschen. Über diese verfügt das Theater in der Josefstadt - auch, wenn sie nicht immer an einem Strang ziehen.

Das Ereignis des Premierenabends am Donnerstag war das Hausdebüt von Johannes Krisch, der nach 30 Jahren Zugehörigkeit zum Ensemble des Burgtheaters nach Differenzen im Haus am Ring karenziert ist und von Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger mit offenen Armen aufgenommen wurde. Der 53-Jährige ist ein Vollblutschauspieler, wie ihn sich jedes Theater nur wünschen kann. Er befeuert seinen Handlungsdiener Weinberl, der einerseits die Karriereleiter zum Associe der ihm anvertrauten vermischten Warenhandlung erklimmen möchte, andererseits doch wenigstens einmal im Leben ein verfluchter Kerl gewesen sein möchte, mit der ganzen Glut seines Herzens. Als Zerrissener brennt er an beiden Enden und droht in der Mitte selbst zum Aschenmann zu werden. Dieser Kammerschauspieler ist ein Volksschauspieler, wie sie in derartiger Ausprägung in der freien Wildbahn immer seltener werden. Mit ihm könnte der „Jux“ auch eine kräftige sozialkritische Note haben. Zwei Männer verhindern dies. Sie heißen Thomas Arzt und Stephan Müller.

Der oberösterreichische Dramatiker Arzt hat es übernommen, aktuelle Couplettexte zu liefern - einen ganz frischen zaubert Krisch am Premierenabend buchstäblich aus dem Hut. Zur Livemusik von Thomas Hojsa (Akkordeon) und Matthias Jakisic (E-Geige) ist jedoch vorwiegend Erwartbares zu hören. Es geht um Themen wie MeToo und Klimaschutz, den Umgang mit Flüchtlingen und sozialen Medien und gipfelt in einem politischen Statement, das jeder beruhigt unterschreiben kann: „Die rechte Hand in die Höh‘ - das is ganz a blöde Idee.“ Das geht deutlich bissiger und böser. Das hat Krisch nicht zuletzt bereits selbst einmal bewiesen, als er 2014 am Burgtheater im „Talisman“ mit einer am Weg ins Theater gedichteten Zusatzstrophe zum hauseigenen Finanzskandal für Aufsehen sorgte.

Auch der Schweizer Regisseur Stephan Müller kann mit dem Erdigen, Bodenständigen, Kritischen dieses proletarischen Aufstiegstraums, in dem Geld die Welt regiert und der äußere Schein alles ist, nicht viel anfangen. Er konzentriert sich darauf, das Soziotop der Vermögenden und Besitzenden möglichst bunt und knallig darzustellen und damit lächerlich zu machen. Im Verein mit seinem Ausstatterteam Sophie Lux (Bühnenbild und Video) und Birgit Hutter (Kostüme) gelingt ihm das auch famos. Die Upper Class zwängt sich in grotesk enge Jagdanzüge (Robert Joseph Bartl als Zangler) oder opulente Kleiderkreationen (Martina Stilp als Modewarenhändlerin, Alexandra Krismer als ihre Freundin) und wohnt in vier Wänden, die einer Gummizelle täuschend ähnlich sehen. Aus Nestroys Komödie wird ein liebevoll angefertigtes Kunststück, eine in allen Farben schillernde Kaugummiblase, die über dem harten Boden der Realität schwebt, aber nie zerplatzt.

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Der bejubelte Abend ist erstaunlich kurz (zwei Stunden und zehn Minuten inklusive Pause) und stets abwechslungsreich. Der ästhetischen Überhöhung begegnet das Ensemble mit einem Mix aus Spielstilen, unter denen es nahezu alles gibt - von routiniert-klassisch (Martin Zauner als Melchior) über engagiert-talentiert (Julian Valerio Rehrl als Christopherl) bis zu exakt-exaltiert (Elfriede Schüsseleders präzise überdrehte Gestaltung des Fräulein Blumenblatt passt am besten zum Konzept des Abends). Und in den Videos - alte Filmaufnahmen mit moderner Grafik mischend -, die das aufregende städtische Ambiente illustrieren, in dem Weinberl und Christopherl das Abenteuer ihres Lebens suchen, blitzt kurz auf, was dieser „Jux“ auch hätte werden können. Bei aller Uneinheitlichkeit, eines ist er jedoch sicher geworden: ein Publikumshit.




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