Letztes Update am Fr, 11.10.2019 11:44

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Attentäter von Halle gestand Tat und antisemitisches Motiv



Der Todesschütze von Halle hat die Tat gestanden und auch ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv bestätigt. Der 27-jährige Stephan B. habe in dem mehrstündigen Termin beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs am Donnerstagabend umfangreich ausgesagt, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur in Karlsruhe am Freitag.

B. befindet sich inzwischen in Untersuchungshaft. Der am Donnerstag erlassene Haftbefehl legt ihm zweifachen Mord und siebenfachen Mordversuch zur Last. Das sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft am Freitag auf Anfrage.

Stephan B. war am Mittwoch festgenommen worden, nachdem vor einer Synagoge im ostdeutschen Halle eine Frau und in einem nahe gelegenen Döner-Imbiss ein Mann erschossen worden waren. Zuvor hatte der Täter vergeblich versucht, die Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen. Zu dem Zeitpunkt hielten sich 51 Menschen in dem Gotteshaus auf und feierten das wichtigste jüdische Fest, Jom Kippur.

Auf der Flucht verletzte der Täter zudem zwei Menschen mit Schüssen. Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte B. vier Schusswaffen und mehrere Sprengsätze bei sich.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Ein Bekennervideo in sozialen Netzwerken zeigt den Ablauf der Tat aus der Perspektive des Attentäters - von der vergeblichen Erstürmung der Synagoge über die tödlichen Schüsse bis zur Flucht. Zudem legte der Täter in einem elf Seiten langen „Manifest“ seine Gedanken dar.

Zuvor rief die EU-Kommission alle Mitgliedsstaaten auf, Synagogen und andere jüdischen Einrichtungen ausreichend zu schützen. Die Kommission habe ein entsprechendes Schreiben an alle EU-Staaten geschickt und sie aufgefordert, die Kosten für den besseren Schutz zu übernehmen, sagte die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein.

Die EU-Mitgliedstaaten hätten sich schon im Dezember 2018 darauf verpflichtet, jüdische Einrichtungen zu schützen. Bis 2020 soll jeder EU-Staat eine Strategie gegen Antisemitismus haben.

In Österreich erhöhte die Polizei die Sicherheitsvorkehrungen bei jüdischen Einrichtungen. Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), betonte im Gespräch mit der APA, dass sich die jüdische Gemeinde in Österreich sicher fühle: „Der Verfassungsschutz und das Innenministerium sind sich sehr bewusst, was passiert ist.“

Nach dem tödlichen Angriff in Halle besuchte Bundespräsident Alexander Van der Bellen den jüdischen Stadttempel in Wien. Er wurde von Oskar Deutsch begrüßt und legte in der Gebetsstätte ein Gesteck mit weißen Rosen nieder. „Antisemitismus ist einfach blöd“, meinte Van der Bellen im Anschluss an den Besuch. Er führe zu Anschlägen wie jenen in Halle. Der Bundespräsident wies darauf hin, dass „in einzelnen Ländern der Rechtsextremismus zugenommen“ habe. Zur Situation in Österreich sagte er: „Es wird wohl einen harten Kern von Antisemiten geben.“ Auf jeden Fall sei jeder einzelne im Kampf gegen den Judenhass gefordert.

Der IKG-Präsident erwähnte gegenüber den Medien weiters eine am Mittwoch erfolgte tätliche Auseinandersetzung in Wien-Leopoldstadt zwischen einem Autofahrer und einem Mitglied des IKG-Kultusvorstandes. „Ich hoffe, dass die Justiz ihr Urteil abgeben wird“, meinte Deutsch. Die Kultusgemeinde hatte zuvor das Verhalten des Lenkers in einer Aussendung als antisemitisch gebrandmarkt.




Kommentieren