Letztes Update am Fr, 11.10.2019 11:53

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Aufwendige Handke-Premiere in Klagenfurt



Mit starken Bildern haben die Darsteller in der wortlosen „Stunde da wir nichts voneinander wußten“ des frisch gebackenen Literaturnobelpreisträgers Peter Handke am Donnerstag im Stadttheater Klagenfurt beeindruckt. Regisseur Robert Schuster ließ sie in einer immer schriller werdenden Abfolge aufeinandertreffen. Ein durchchoreografiertes Treiben, dessen grandiose Teamleistung bejubelt wurde.

„Sehe“ und „watch“ wird der Zuseher von der Bühne her schriftlich aufgefordert, und zu sehen gibt es viel in „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“: Beim Kommen und Gehen auf einem namenlosen Platz begegnen einander Alltagsfiguren und mythologische Gestalten, Greise und Neugeborene, Tiere und Clowns. Fische, die vom Himmel fallen, tote Vögel, ein zerzauster Papageno und Tarzans Urwaldschrei wecken im Betrachter weitere, innere Bilder - Unbekanntes trifft auf Erlebtes, Bekanntes auf Erträumtes. Was einmal wie ein Kostümball von Untoten wirkt, ist gleich darauf ein Zitat aus den TV-Nachrichten oder ein Bild aus einem Märchen. Das ist archaisch und banal, enervierend und aufregend, in jedem Fall sehenswert.

Peter Handkes 1992 bei den Wiener Festwochen uraufgeführtes Stück (Regie: Claus Peymann), das ohne Sprache, aber nicht ohne Klänge auskommt, fordert vom Publikum die Einlassung. Volle Konzentration ist dabei nicht nur von den Zusehern erforderlich. Die Wege der zwölf Darsteller kreuzen sich unaufhörlich auf und wohl auch hinter der Bühne. Weit mehr als 300 Rollen verkörpern sie, unzählige Kostüm- und Requisitenwechsel müssen mitchoreografiert werden. Das internationale Ensemble stemmt die Herausforderung mit Bravour - auch auf Fahrrädern, Rollschuhen, Skateboard und Stelzen. Bei einem Aufmarsch von Hinkenden an ihren Stöcken geht und schlurft jeder Einzelne anders - ein skurriles Defilee. Ein weiteres starkes Bild: Ein Puppenspieler, der seine Marionette einen Berg von aufeinander liegenden Menschen hinaufsteigen lässt.

Mit der teils minimalistischen Musik bilden stimmige Soundcollagen ständig wechselnde Klangräume (Musik: Max Bauer), die von den Schauspielern live mitgestaltet werden. Sie kratzen mit den Fingern über den Boden, krächzen, seufzen und atmen hörbar, zerknüllen Papier vor einem Mikrofon. Vogelgezwitscher wechselt mit Hubschraubergeknatter, Idylle mit Bedrohung.

Der Himmel hängt tief in Form von gebauschten Stoffbahnen (Bühne und Kostüme: Sascha Gross). Das anfängliche, alltägliche Grau und Weiß geht schrittweise in zarte Pastelltöne über, je fantasievoller die Figuren, desto bunter das Geschehen. Die durchdachte Lichtregie schafft berührende Szenen und macht den Abend zu einem dichten, assoziativen Erlebnis. Auch wenn man sich vielleicht manchmal fragt: Was geschieht hier? Wozu? Am Ende wird aufgeräumt. Die Menschen verschwinden. Die Bilderflut klingt mit einem diffusen Flimmern aus.

Nach dem Schlussapplaus für die großartige Darstellerriege hebt sich diesmal der Vorhang auch für das vielköpfige Team der Helfer hinter der Bühne. Eine schöne Geste: Von ihnen soll man wissen nach dieser „Stunde da wir nichts voneinander wußten“.

Hausherr Florian Scholz hatte zum Auftakt freudig dem frisch gekürten Literaturnobelpreisträger Peter Handke „zu diesem wohlverdienten Ausnahmepreis“ gratuliert und gescherzt: „Das Stadttheater ist eben sehr schnell. Daher können wir heute die passende Premiere anbieten.“ Und der Applaus des Klagenfurter Publikums war wohl nicht nur dem Ensemble, sondern auch dem außergewöhnlichen Zusammentreffen von Premiere und Preisbekanntgabe an diesem 10. Oktober, dem Kärntner Landesfeiertag, geschuldet.




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