Letztes Update am Fr, 11.10.2019 12:21

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Syrische Kurden leisten Widerstand gegen türkische Offensive



Auch am dritten Tag der türkischen Offensive in Nordsyrien leisten die kurdischen Kräfte erbitterten Widerstand. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und ihre arabischen Verbündeten würden Tunnel, Gräben und Wälle nutzen, um den Vormarsch der türkischen Armee aufzuhalten, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Es gebe heftige Kämpfe an mehreren Fronten, vor allem in den Städten Tal Abjad und Ras al-Ain, hieß es weiter. Laut der oppositionsnahen Aktivistengruppe haben die türkische Armee und verbündete syrische Milizionäre von der sogenannten Syrische Nationalarmee elf Dörfer eingenommen, doch hätten die YPG zwei zurückerobert. Demnach konzentrieren sich die Kämpfe auf eine 120 Kilometer lange Strecke zwischen Ras al-Ain und Tal Abjad. Fast alle Einwohner seien aus den beiden Städten geflohen, teilte ein Pressezentrum der kurdischen Autonomiebehörde mit.

Ihren Angaben zufolge haben sich mehrere arabische Stämme hinter der Front der türkischen Armee angeschlossen und würden nun die kurdischen Kämpfer attackieren. Die Beobachtungsstelle bestätigte, dass sich dutzende arabische Kämpfer den türkischen Truppen angeschlossen hätten. Die Gegend, auf die sich die Kämpfe bisher konzentrieren, wird zwar von der kurdischen YPG-Miliz kontrolliert, doch ist die Bevölkerung mehrheitlich arabisch.

Nach Angaben der Beobachtungsstelle wurden seit Mittwoch 29 kurdische Kämpfer und zehn Zivilisten bei der türkischen Offensive getötet. Auf türkischer Seite gab es nach Angaben der örtlichen Behörden bisher sechs zivile Todesopfer durch Beschuss der YPG. Auch ein türkischer Soldat wurde bei den Kämpfen getötet. Das türkische Verteidigungsministerium erklärte, 277 „Terroristen“ getötet, verletzt oder gefangen genommen zu haben.

US-Präsident Donald Trump brachte zuvor die USA als möglichen Vermittler zwischen den Kampfgegnern ins Spiel. „Ich hoffe, dass wir vermitteln können“, sagte Trump am Donnerstag. Zugleich drohte er der Türkei erneut mit Sanktionen oder harten Strafmaßnahmen gegen die türkische Wirtschaft.

Frankreich drohte der Türkei mit EU-Sanktionen. Europa-Staatssekretärin Amélie de Montchalin sagte im Radiosender France Inter, Strafmaßnahmen lägen natürlich „auf dem Tisch“. Nach ihren Angaben werden die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union darüber auf ihrem Gipfeltreffen in der kommenden Woche beraten.

Die fünf europäischen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates hatten Ankara zuvor aufgerufen, ihre Offensive in Nordsyrien zu stoppen. „Wir fordern die Türkei auf, die einseitige Militäraktion einzustellen“, hieß es in einer am Donnerstag von Frankreich, Deutschland, Belgien, Großbritannien und Polen veröffentlichten Erklärung.

Die Türkei verlangt von der NATO ein „klares und deutliches“ Bekenntnis der Solidarität. In einer Pressekonferenz mit NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu: „Im Rahmen des Grundsatzes der Unteilbarkeit der Sicherheit ist es unsere natürlichste und legitimste Erwartung, dass sich unsere Alliierten mit uns solidarisieren. Es reicht also nicht zu sagen, „wir verstehen die legitimen Sorgen der Türkei“. Wir wollen diese Solidarität klar und deutlich sehen.“

Der Einmarsch der Türkei in Nordsyrien folgte auf Trumps überraschende Ankündigung, amerikanische Soldaten aus der Grenzregion abzuziehen - was auf große Empörung stieß. Kritiker werteten dies als grünes Licht der Amerikaner für Ankara, eine Offensive zu starten. Ein ranghoher Regierungsbeamter aus dem Außenministerium wies das zurück und betonte erneut, die USA sähen das Vorgehen der Türkei als „großen Fehler“ und hätten keineswegs grünes Licht dafür gegeben, sondern im Gegenteil ihren großen Widerstand dagegen klar gemacht.

Als Folge der jüngsten Eskalation im Syrienkonflikt sind laut den Vereinten Nationen und nach Angaben von Aktivisten Zehntausende Menschen auf der Flucht. In den ersten 36 Stunden seit Beginn der Offensive seien mindestens 60.000 Menschen vertrieben worden, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Deren Angaben zu Flüchtlingen beruhen auf Schätzungen, eine unabhängige Bestätigung gab es dafür nicht. Dem UNO-Flüchtlingshilfswerk zufolge hat die jüngste Eskalation Zehntausende Menschen zur Flucht bewegt.

Als Folge der Eskalation im Syrienkonflikt sind Zehntausende Menschen auf der Flucht. Die Caritas in Al-Hasakah ist seit Donnerstag im Einsatz, an die aus dem Grenzgebiet zur Türkei geflüchteten Menschen in Notunterkünften Lebensmittel und Wasser zu verteilen. Die Caritas Österreich unterstützt die Mission laut Aussendung von Freitag mit 30.000 Euro Soforthilfe.




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