Letztes Update am Fr, 11.10.2019 15:52

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Peter Handke polarisiert auch als Literaturnobelpreisträger



Auch am Tag nach der letztlich doch überraschenden Vergabe des Literaturnobelpreises 2019 an Peter Handke zeigt sich das polarisierende Potenzial des Sprachmagiers. Die literarische Klasse des Preisträgers wird dabei einhellig gewürdigt, die Entscheidung des Nobelpreiskomitees als mutiges Bekenntnis zur Qualität gesehen. Zugleich stoßen manchem Beobachter weiterhin Handkes politische Aussagen auf.

Das Nobelpreiskomitee habe nach dem Skandaljahr 2018 mit der Entscheidung für Handke und die polnische Autorin Olga Tokarczuk wieder ein gutes Stück seines Renommees wiedererlangt - auch und gerade mit der Entscheidung, sich nicht von politisch korrekten Überlegungen in punkto Geschlechtergerechtigkeit oder Eurozentrismus leiten zu lassen, so die Mehrheitsmeinung der meisten Kommentatoren. Die Würdigung zweier Mitteleuropäer sei eine starke Entscheidung für den Kontinent und eine in beiden Fällen fraglos gerechtfertigte Auszeichnung, wenn man das Oeuvre in seiner Sprachgewalt betrachte.

„Wer sonst hat die Sprache so ernst genommen als seine Lebensaufgabe?“, beschied etwa Handke-Freund und Wegbegleiter Wim Wenders, während der Autor Thomas Oberender über den Nobelpreisträger schrieb: „Er hat sich aus seiner Heimat heraus und wieder in sie hinein geschrieben - für ihn war Sprache immer ein Problem, aber ein schönes.“

Zugleich unterstrich die Mehrheit der deutschsprachigen Kommentatoren, dass sich der politische Denker Handke mit seinem Engagement für Serbien während des Jugoslawienkonflikts bis hin zum Besuch des Begräbnisses von Slobodan Milosevic verrannt habe. „Er ist ein Widerspruchsgeist und so etwas wie der Rappelkopf der österreichischen Literatur“, erklärte Literaturwissenschafterin Daniel Strigl Donnerstagnacht im ORF diese Seite des Autors: „Er war Opfer von Medienkampagnen und einer Maschinerie, die loslegt, wenn einer was sagt, mit dem niemand rechnet.“

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Besonders hohe Wellen schlug die Vergabe an den mütterlicherseits slowenisch verwurzelten Handke in den Ländern des einstigen Jugoslawiens. Die bosnische Opferorganisation „Mütter von Srebrenica“ forderte wegen Handkes-Serbienengagement die Akademie zur Rücknahme ihrer Entscheidung auf: „Es ist traurig, dass ein so wichtiger Preis dem Leugner des Genozids in Srebrenica verliehen wurde.“ Sefik Dzaferovic, Vertreter der Muslime im bosnischen Staatspräsidium, sprach von einer „skandalösen und beschämenden“ Entscheidung.

Auf serbischer Seite wurde die Stockholmer Entscheidung hingegen euphorisch aufgenommen. „Sie und Ihr gesamtes einflussreiches literarisches Werk haben sich den Preis auch verdient“, beschied etwa mit Milorad Dodik das serbische Mitglied im Staatspräsidium, während Regisseur Emir Kusturica im Interview verlautbarte: „Handke ist ein Mensch, dessen politischer Kampf eine Fortsetzung seiner Literatur war, die sich mit versteckten Inhalten der menschlichen Existenz, mit Outsidern, die der Gerechtigkeit verpflichtet waren und blieben, beschäftigt hat.“




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