Letztes Update am Fr, 11.10.2019 16:38

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Migration: Unterschiede zwischen Wahrnehmung und Realität



Gerade beim Thema Migration liegen persönliche Wahrnehmung und Realität oft weit auseinander. Laut einer Umfrage des EU-Projekts „Ciak MigrACTION“ wird Migration in Österreich, Italien, Ungarn und Griechenland zwar nur mehr von Wenigen als Top-Priorität wahrgenommen - was auch den sinkenden Ankunftszahlen entspricht.

Geht es um eine Schätzung der im jeweiligen Land befindlichen Migranten, gehen Wahrnehmung und Wirklichkeit jedoch auseinander. Das zeigt die Studie „Wahrnehmung, Stereotype und Wissenslücken bei EU BürgerInnen über Migration in Italien, Griechenland, Ungarn und Österreich“.

Die Befragten in allen vier Ländern überschätzen den Anteil der Migranten in ihren Heimatländern um ein Vielfaches. So schätzten die Österreicher den Anteil auf 35 Prozent, tatsächlich liegt er aber bei 16 Prozent. Die Griechen glauben, 35 Prozent der Bevölkerung seien Migranten, während deren tatsächlicher Anteil bei nur acht Prozent liegt, in Italien wird der Anteil auf 31 Prozent geschätzt und liegt tatsächlich bei neun Prozent.

Die größte Diskrepanz gibt es laut der Studie, die am Freitag vom Verein Südwind veröffentlicht wurde, in Ungarn. Hier gingen die Menschen von einem Migrantenanteil von 20 Prozent aus, tatsächlich sind aber nur zwei Prozent der Menschen zugewandert, also nicht im Land geboren.

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Die Ergebnisse führen die Studienautoren auf die „große Lücke“ zwischen der Realität des Phänomens Migration und seiner Repräsentation in der Öffentlichkeit und in den Medien zurück.

Auf die Frage, ob Migration positive oder negative Auswirkungen auf das jeweilige Land habe, äußern sich die Griechen am negativsten - 64 Prozent antworteten, Zuwanderung habe einen „sehr negativen“ oder „ziemlich negativen“ Einfluss. Am positivsten sahen das die Österreicher: „Nur“ 49 Prozent orteten einen „sehr“ oder „ziemlich negativen“ Einfluss, 20 Prozent einen „sehr“ bzw. „ziemlich positiven“ Einfluss; 29 Prozent gaben sich neutral, sahen also weder positive noch negative Auswirkungen.

Österreich weist in der Studie des EU-finanzierten Projekts - verglichen mit den drei anderen Ländern - auch den niedrigsten Wert auf, wenn es um die Frage geht, ob Migranten als „Last für Wirtschaft und Wohlstand“ gesehen werden. 40 Prozent glauben, dass das der Fall ist; in Ungarn waren es 60 Prozent.

Geht es um das Sicherheitsgefühl, sind die Griechen am meisten (61 Prozent) besorgt, dass mit Migration auch Unsicherheit ins Land kommt. In Österreich und Italien meinen 49 Prozent der Befragten, dass Zuwanderer eine Bedrohung für das Land darstellen; am niedrigsten liegt der Wert mit 47 Prozent in Ungarn.

Auch wenn das Thema Migration seit der Flüchtlingskrise 2015/2016 nicht mehr täglich auf der politischen und medialen Agenda steht, ist es für die von „Ciak MigrACTION“ befragten Österreicher noch immer eine der wichtigsten „Herausforderungen“ - sowohl für das eigene Land als auch persönlich. Elf Prozent nannten Migration als das wichtigste „persönliche“ Problem, für 24 Prozent ist das Thema zumindest unter den Top-10 Herausforderungen.

In Griechenland und Ungarn wird Migration in dem Zusammenhang gar nicht genannt, in Italien liegt Migration auf dem 10. Rang. Gefragt nach den wichtigsten Herausforderungen für das jeweilige Land insgesamt wird Migration zwar in allen vier Ländern unter den Top-5 genannt, aber auch hier liegt der Wert in Österreich am höchsten.

Grundsätzlich schätzen die Österreicher ihre persönliche Situation, aber auch die ihres Landes, weitaus positiver ein als die Nachbarn in Italien, Ungarn und Griechenland. Die Griechen sehen ihre persönliche Situation sowie die ihres Landes mit Abstand am negativsten. Gemeinsam mit den Italienern erzielen sie aber den höchsten Wert, wenn es um den Optimismus für die Zukunft geht. Der Grad an Zufriedenheit geht laut Studienautoren Hand in Hand mit dem Bild, das die Bürger von der Gesellschaft haben, in der sie leben. Österreicher beschreiben ihre Lebensrealität demnach als „tolerant, offen und fair“.




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