Letztes Update am Fr, 11.10.2019 20:57

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


USA fordern von Türkei Abbruch der Offensive in Nordsyrien



Die USA dringen auf einen Abbruch der türkischen Militäroffensive in Syrien und drohen der Regierung in Ankara harte Sanktionen an. „Wenn wir müssen, können wir die türkische Wirtschaft stilllegen“, warnte US-Finanzminister Steven Mnuchin am Freitag im Weißen Haus. Diese Sanktionen würden aber noch nicht in Kraft treten. Die Offensive hat unterdessen Zehntausende Menschen in die Flucht getrieben.

US-Verteidigungsminister Mark T. Esper verurteilte den „einseitigen“ Einmarsch, der der Beziehung zwischen den beiden Ländern „dramatischen Schaden“ zufüge. Die Türkei verlangt ihrerseits angesichts der internationalen Kritik an der Offensive von der NATO ein „klares und deutliches“ Bekenntnis der Solidarität.

Die Offensive, die seit Mittwochnachmittag läuft, richtet sich gegen die kurdische YPG-Miliz, die auf syrischer Seite der Grenze ein großes Gebiet kontrolliert. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und damit eine Terrororganisation. Die Offensive stößt international auf scharfe Kritik. Regierungen und Institutionen hatten aber auch von legitimen Sicherheitsinteressen der Türkei im Grenzgebiet gesprochen.

Mnuchin sagte, Finanzanstalten seien vorgewarnt worden, dass Sanktionen verhängt werden könnten. US-Präsident Donald Trump sei „besorgt“ über die andauernde Militäroffensive in Nordsyrien und über potenzielle Angriffe auf zivile Ziele durch die Türkei. Es sei außerdem „zwingend“, dass die Türkei nicht erlaube, dass auch nur ein einziger IS-Gefangener im türkischen Einmarschgebiet entkomme.

Esper wies Vorwürfe zurück, die USA hätten der Türkei mit dem Abzug von US-Soldaten kurz vor dem Start der Offensive grünes Licht gegeben und die kurdischen Verbündeten im Stich gelassen. „Wir bleiben in enger Abstimmung mit den Syrischen Demokratischen Kräften“, sagte er. Die von kurdischen Milizen dominierten SDF waren im Kampf gegen den IS ein enger Verbündeter der USA. Sie bewachen die IS-Gefangenen.

Wie die SDF am Freitag mitteilten, sind nach dem türkischen Angriff fünf Kämpfer des IS aus einem Gefängnis ausgebrochen. Sie seien in der Stadt Qamishli inhaftiert gewesen. Zudem kam es in dem Flüchtlingslager Al-Hol im Nordosten Syriens, in dem zahlreiche IS-Angehörige leben, nach Angaben der SDF zu einem Aufruhr. In dem Lager leben nach UN-Angaben fast 70.000 Menschen.

Derweil steigen die Opferzahlen. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind seit Beginn der türkischen Offensive insgesamt 17 Zivilisten ums Leben gekommen. Allein am Freitag habe es sieben zivile Opfer gegeben. Die türkische Armee und mit ihr verbündete syrische Rebellen nahmen demnach mehrere Dörfer ein.

Drei weitere Zivilisten kamen am Freitag in der nordsyrischen Grenzstadt Qamischli bei der Explosion einer Autobombe ums Leben, wie der lokale Radiosender Arta FM unter Berufung auf kurdische Sicherheitskräfte meldete. Am Abend beanspruchte der IS über sein Sprachrohr Amaq die Verantwortung für den Anschlag.

Nach Beschuss aus Nordsyrien sind im südosttürkischen Nusaybin acht Menschen getötet worden. 35 weitere seien verletzt worden, teilte das Gouverneursamt der Provinz Mardin am Freitag mit. Die Raketen und Mörsergranaten seien von der syrischen Kurdenmiliz YPG abgeschossen worden, hieß es in der Erklärung.

Zu den Toten unter der Kurdenmiliz YPG gibt es stark widersprüchliche Zahlen. Die SDF gaben an, es seien bisher 22 ihrer Kämpfer ums Leben gekommen. Aus dem türkischen Verteidigungsministerium hieß es hingegen am Morgen, es seien 277 Kurdenkämpfer getötet worden.

Gleichzeitig sind Zehntausende Menschen auf der Flucht. In einer Stellungnahme des UN-Nothilfebüros OCHA und des Humanitären Koordinators der UN für Syrien in Damaskus war am Freitagabend von 100.000 Vertriebenen die Rede. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) in Genf hatte zuvor berichtet, die meisten Menschen seien aus den Regionen Ras al-Ain und Tall Abyad geflüchtet. Es seien außerdem Dämme, Kraftwerke und Ölfelder getroffen worden. In der Stadt Al-Hasaka soll nach UN-Angaben wegen der Kämpfe eine Wasserstation außer Betrieb sein, die in der Region 400.000 Menschen versorgt.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) berichtete, dass das von ihnen unterstützte, einzige öffentliche Krankenhaus in der syrischen Grenzstadt Tall Abyad geschlossen worden sei, weil der größte Teil der Angestellten mit ihren Familien die Stadt verlassen habe. Tall Abyad ist ein Hauptfokus der türkischen Offensive.

Interne Kritik will die Türkei zum Schweigen bringen. Wegen kritischer Beiträge gegen die Offensive im Internet seien bisher 121 Menschen festgenommen worden, sagte Innenminister Süleyman Soylu am Freitag. Außerdem habe man rund 500 Konten auf sozialen Medien überprüft, die den Einsatz als Besatzung bezeichnet und ihn „beleidigt“ hätten. Die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, einigen Betroffenen werde Terrorpropaganda und Aufwiegelung vorgeworfen. Soylu kündigte weitere Ermittlungen an.




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