Letztes Update am So, 20.10.2019 15:33

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Türkischer Soldat bei Angriff von Kurden in Syrien getötet



Im Nordosten Syriens ist am Sonntag nach Angaben der Türkei ein türkischer Soldat getötet worden. Trotz der geltenden Feuerpause habe es in der Grenzstadt Tall Abyad einen Angriff der Kurden-Miliz YPG gegeben, teilte das Verteidigungsministerium in Ankara mit. Dabei sei ein weiterer Soldat verletzt worden.

Die YPG habe während eines Aufklärungseinsatzes des türkischen Militärs in Tall Abyad angegriffen. Die Türkei habe die Attacke erwidert, fühle sich aber weiterhin der vereinbarten Waffenruhe verpflichtet. Die USA und die Türkei hatten sich am Donnerstag auf Schritte geeinigt, die zu einer Beruhigung der Lage im syrischen Grenzgebiet zur Türkei sorgen soll.

US-Präsident Donald Trump hatte zuvor mit der Entscheidung für einen Rückzug amerikanischer Truppen aus der Region den Weg für eine türkische Offensive im Nordosten Syriens geebnet. Die Türkei will dort eine sogenannte Sicherheitszone schaffen, aus der sich die YPG zurückziehen soll. Die Regierung in Ankara stuft die Kurden-Miliz als Terrororganisation ein. Die YPG-Kämpfer waren der wichtigste Verbündete der USA im Kampf gegen die Extremistengruppe Islamischer Staat in Syrien. Viele US-Politiker werfen Trump vor, die Verbündeten im Stich gelassen zu haben.

Die US-Streitkräfte setzten ihren Truppenabzug fort. Mehr als 70 gepanzerte Fahrzeuge mit US-Flaggen rollten am Sonntag durch die Stadt Tal Tamr. Sie wurden von Hubschraubern eskortiert. Laut Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kam der Konvoi vom US-Truppenstützpunkt Sarrin in der Nähe der Grenzstadt Kobane im Westen und war unterwegs in Richtung Hassake. Sarrin sei bislang der größte US-Truppenstützpunkt im Norden Syriens gewesen, sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman.

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Die NATO bildete indes offenbar einen Krisenstab, der sich mit der türkischen Offensive in Nordsyrien und ihren möglichen Folgen beschäftigt. Dem Gremium gehörten Aufklärungs- und Sicherheitsexperten, Fachleute für Militäroperationen und politische Berater an, berichtete die Zeitung „Welt am Sonntag“ unter Berufung auf NATO-Kreise. Während einer Sitzung der 29 NATO-Botschafter im sogenannten Nordatlantikrat am vergangenen Mittwoch habe sich die Türkei bereit erklärte, ihre NATO-Partner laufend über Angriffe, Flüchtlingsströme und Kriegsschäden im Kampfgebiet zu unterrichten. Außerdem habe Ankara intern klargemacht, dass die Angriffe im Norden Syriens bis in die erste November-Hälfte fortgeführt werden sollten - das sei allerdings vor der Vereinbarung einer Waffenruhe von 120 Stunden gewesen.

Die Türkei wies den Vorwurf der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zurück, in Nordsyrien Kriegsverbrechen begangen zu haben. Es handle sich um „gegenstandslose Behauptungen“ und diese seien Teil einer Diffamierungskampagne gegen den türkischen Anti-Terror-Kampf, teilte das Außenministerium in Ankara mit.

Amnesty International hatte der türkischen Armee und den mit ihr verbündeten Rebellen in einem am Freitag veröffentlichten Bericht unter anderem „rücksichtslose Angriffe auf Wohngebiete“ vorgeworfen, bei denen Zivilisten getötet und verletzt würden. Pro-türkische Rebellen sollen zudem eine syrisch-kurdische Politikerin geschlagen und erschossen haben.

Eineinhalb Wochen nach dem türkischen Einmarsch in Nordsyrien ist die humanitäre Lage in der Region weiter dramatisch. „Die vergangene Woche war ein totales Chaos für Hunderttausende Syrer“, sagte Karl Schembri, Sprecher vom Norwegischen Flüchtlingsrat (NRC), dem TV-Sender CNN. „Sie leben in Angst und Unsicherheit, ohne zu wissen, wo die nächste Bombe explodieren wird.“

In gut einer Woche sind nach jüngsten Angaben des UNO-Nothilfebüros OCHA mindestens 165.000 Menschen durch die Kämpfe vertrieben worden, darunter schätzungsweise 70.000 Kinder. „Mehr und mehr von ihnen werden in den benachbarten Irak und in andere Gegenden flüchten, die nicht darauf vorbereitet sind, vertriebene Familien aufzunehmen“, sagte Schembri. Etwa 2.400 Menschen hätten bereits die Grenze zum Irak überquert. Die Situation in syrischen Lagern sei dabei „extrem besorgniserregend“, hatte OCHA am Freitag mitgeteilt.

Vor Beginn der türkischen Angriffe hätten bereits mehr als 100 000 Vertriebene in Lagern in der Region gelebt, sagte Schembri. Mit der Unterstützung humanitärer Helfer hätten sie überlebt. „All das wurde im Lauf der vergangenen Woche gefährdet, weil die meisten Helfer selbst flüchten mussten.“




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